Regionalisierung als Zukunftsperspektive
Wirtschaftliche Verflechtung, Pendlerströme und ökologische Räume folgen anderen Grenzen als Stadtverwaltungen.
Kernbefund des Forschungsverbunds
Globalisierung und technologischer Wandel setzen Städte unter Kooperationsdruck. Der Verbund untersuchte vier Modelle: lockere Stadt-Umland-Verträge (Braunschweig), wissenschaftlich vorgedachte Stadtregionen (Stuttgart, Karlsruhe), grenzüberschreitende Doppelstädte (Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin) und polyzentrische Verdichtungsräume (Ruhrgebiet).
1. Befunde des Forschungsverbunds
Stephanie Bock analysierte in der Begleitforschung die Regionalisierungsmodelle des Verbundes als eigenständiges Querschnittsthema. Der Verbund untersuchte fünf grundlegend verschiedene Typen. Den formellen Regionalverband repräsentierte der Verband Region Stuttgart; die vertragliche Stadt-Umland-Kooperation exemplifizierte Braunschweig mit einem von acht Bürgermeistern unterzeichneten stadtregionalen Kontrakt. Karlsruhe und der Oberrhein boten das Modell der trinationalen Kooperation; Görlitz/Zgorzelec und Guben/Gubin standen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit einem EU-Beitrittskandidaten. Die Städteregion Ruhr repräsentierte schließlich das polyzentrische Netzwerkmodell: Ein von acht Städten unterzeichneter Kontrakt ohne neue Gebietskörperschaft, der regionale Zusammenarbeit nach den Prinzipien „Eigensinn” und „Kooperation” organisierte. Göschels planungstheoretische Analyse (APuZ B 28/2003) identifizierte das fundamentale Dilemma: Verabredungsmodelle sind kurzfristig effizient und demokratisch leichter legitimierbar, aber auf Dauer fragil; Institutionalisierungsmodelle (neue Gebietskörperschaften) sind stabiler, aber mit wachsender Distanz zur lokalen Basis erkauft. Der zweite Band der Reihe „Zukunft von Stadt und Region” (VS Verlag 2005) widmet sich als einer von fünf Themenblöcken ausdrücklich der Regionalisierung.
2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag
Das Braunschweiger Stadtregion-Projekt lieferte mit dem unterzeichneten Kontrakt und dem Bürgergutachten auf regionaler Ebene die konkreteste rechtlich-institutionelle „Produktinnovation” des gesamten Verbundes. Das Görlitz/Zgorzelec-Projekt demonstrierte die besondere Herausforderung grenzüberschreitender Regionalisierung: Unterschiedliche nationale Planungs-, Rechts- und Verwaltungssysteme mussten überbrückt werden, bevor gemeinsame Projekte möglich waren. Das Karlsruher Projekt zur Trinationalen Metropolregion Oberrhein zeigte, wie europäische Förderprogramme (Interreg) grenzüberschreitende Kooperation institutionell stabilisieren können.
3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026
Das ARL-Journal „Raumentwicklung” 2/3 2024 dokumentiert aktuelle Forschungen zu regionaler Resilienz und Energiewende-Governance: Regionale Co-Transformation wird als neues Analysekonzept etabliert, das Regionalisierungsmodelle mit Klimaschutzzielen verbindet. Das BBSR-Programm „Stadt-Land-Plus” hat 2024 seine Projektergebnisse in einem Online-Handbuch dokumentiert; die Befunde zeigen, dass Stadt-Land-Kooperationsmodelle funktionieren, aber dauerhafter institutioneller Pflege bedürfen. Das ARL-Positionspapier 160 (November 2025) empfiehlt explizit eine Stärkung der Raumordnung und Raumentwicklung für resiliente Raumstrukturen - eine institutionelle Konsequenz aus zwanzig Jahren Erfahrung mit freiwilliger Regionalisierung.
4. Folgeprogramme und Initiativen
Der Verband Region Stuttgart als einzige direkt gewählte Regionalversammlung Deutschlands ist heute funktionsfähig und gilt als Beweis, dass formelle Regionalisierung demokratisch legitimierbar ist. Die elf deutschen Metropolregionen, anerkannt durch die Ministerkonferenz für Raumordnung, verkörpern das Verabredungsmodell auf nationaler Ebene. Das BMBF-Programm „Stadt-Land-Plus” (ab 2017) fördert integrierte Stadt-Land-Entwicklung als Beitrag zu nachhaltiger Regionalisierung. Das Interreg-Programm Polen-Sachsen finanziert weiterhin grenzüberschreitende Projekte in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec, einschließlich des grenzüberschreitenden Fernwärmeverbunds UNITED HEAT.
5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen
Die Verbundhypothese, dass kommunale Grenzen für die meisten Zukunftsaufgaben nicht mehr der angemessene Handlungsrahmen sind, hat sich vollständig bestätigt. Die Koexistenz von Verabredungs- und Institutionalisierungsmodellen wird heute nicht mehr als Widerspruch, sondern als funktionale Differenzierung betrachtet: Je nach Aufgabentyp eignen sich unterschiedliche Kooperationsformen. Überholt ist die implizite Annahme, regionale Zusammenarbeit sei primär eine Frage des politischen Willens: Die ARL-Forschung zeigt, dass Finanzausgleich, Rechtsrahmen und Planungskompetenzen entscheidendere Faktoren sind. Neu ist die Klima-Region als normatives Konzept: Klimaanpassungsstrategien erfordern regionale Kooperation, für die es kaum rechtliche Grundlagen gibt; das BBSR-Bundesprogramm „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel” (2025) versucht, diese Lücke schrittweise zu füllen.