Schlussbetrachtung zum Forschungsverbund
Was hat der Forschungsverbund bewirkt? Welche Fragen blieben am Ende offen?
Kernbefund des Forschungsverbunds
Die Umsetzung der Forschungsergebnisse war explizit nicht Bestandteil der Verbundprojekte. Trotzdem prägte das Programm die kommunalpolitische Debatte über Schrumpfung, Stadtumbau, Bürgerbeteiligung und regionale Kooperation weit über die Förderlaufzeit hinaus. Die zentralen Befunde flossen in das Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost, in spätere BMBF-Programme zur Zukunftsstadt und bis in die Neue Leipzig-Charta 2020 ein.
1. Befunde des Forschungsverbunds
Albrecht Göschel und Stephanie Bock verfassten die Schlussbetrachtung der Abschlussbroschüre 2004 und verantworteten Band V der Reihe „Zukunft von Stadt und Region” (VS Verlag 2007) unter dem Titel „Strategien und Verfahren für Forschung und Politik”. Ihre zusammenfassende Bewertung lautete: Der Forschungsverbund hat drei übergreifende Erkenntnisse produziert. Erstens: Die Kommunen brauchen „Ziel- und Orientierungswissen”, das nicht im Tagesgeschäft generierbar ist; externe Forschungsimpulse sind notwendig, aber nicht hinreichend - die Ergebnisse müssen institutionell verankert werden. Zweitens: Leitbilder, Prognosen und Szenarien sind drei methodisch verschiedene, aber komplementäre Werkzeuge; keines allein reicht aus für eine zukunftsfähige Stadtplanung. Drittens: Partizipation ist eine strategische Steuerungsressource, die kommunale Legitimationsdefizite abfedern kann, aber keine eigenständige politische Steuerungskapazität ersetzt. Die konkreten Handlungsempfehlungen richteten sich auf vier Punkte: Entwicklung dauerhafter Lernprozesse in Städten und Regionen; Aufbau kontinuierlicher Strukturen zur Vermittlung langfristiger Themen in der Kommunalpolitik; Etablierung langfristig orientierter Dialogformate jenseits von Wahlzyklen; sowie neue Kommunikations- und Interaktionsformen zur Einbeziehung von Politik, Verwaltung, Bürgerschaft und Wirtschaft. Band V schließt mit einer komparativen Analyse der Strategien und Verfahren aller 21 Projekte und formuliert Konsequenzen für Forschung und Politik: Ohne institutionelle Verstetigung, so das Fazit, bleibt selbst die beste Verbundforschung episodisch.
2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag
Die Abschlussbroschüre identifiziert explizit die erfolgreichsten Verbundprojekte anhand ihrer übertragbaren „Produkte”: Braunschweig (stadtregionaler Kontrakt, Bürgergutachten), Görlitz/Zgorzelec (politisch abgesicherte Vertrauensgemeinschaft), Leipzig (strategische Umdeutung von Schrumpfung), Guben/Gubin (dreidimensionales Stadtmodell für extreme Schrumpfung), Bremen (Verhandlungsmodell für Daseinsvorsorge) und Dietzenbach (ästhetische Beteiligungsformate). Das Difu betont rückblickend, dass die Misserfolge dabei ebenso lehrreich waren wie die Erfolge: Projekte, in denen Wissenschaft und Kommunalpolitik keine gemeinsame Arbeitsbasis fanden, zeigten die Grenzen des Verbundmodells auf.
3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026
Das Difu veröffentlicht 2025 mit KI-bezogener Stadtforschung und der Begleitforschung zu „Modellprojekte Smart Cities” Arbeiten, die direkt auf den methodischen Grundlagen des Verbundes aufbauen: experimentelle, partnerschaftliche Kooperation zwischen Kommunen und Wissenschaft. Das BBSR-Instrument „Stresstest für Städte” (2026) ist die bislang institutionell ausgefeilteste Umsetzung der Verbundidee, Städten ein selbst anwendbares Diagnose- und Planungswerkzeug bereitzustellen. Die ARL-Positionspapiere 151 (KI, Dezember 2024) und 160 (Resiliente Raumstrukturen, November 2025) zeugen von einer Fortschreibung der im Verbund etablierten Forschungslinien in der aktuellen Debatte. Das Difu-Magazin 4/2024 dokumentiert laufende Forschungsprojekte zur Wohnungsversorgung, Smart-City-Wirkungsmessung und kommunalen Integration, die alle direkte institutionelle Kontinuität zu den Stadt-2030-Forschungslinien aufweisen.
4. Folgeprogramme und Initiativen
Die direkte Wirkungslinie vom Forschungsverbund auf die nationale Stadtentwicklungspolitik lässt sich in drei Schritten nachvollziehen. Stadtumbau Ost (2002), zeitlich parallel entstanden, wurde inhaltlich durch die Verbundbefunde zur Schrumpfung mitgeprägt. Die Nationale Stadtentwicklungspolitik (ab 2007) und die Leipzig-Charta 2007 übernahmen den integrierten Planungsansatz, die Quartiersorientierung und die Betonung bürgerschaftlicher Mitwirkung - allesamt Kernelemente des Verbundes. Die Neue Leipzig-Charta 2020 führt diese Linie unter den Dimensionen gerechte, grüne und produktive Stadt fort und fügt Digitalisierung als Querschnittsdimension hinzu. Das BMBF-Programm „Zukunftsstadt 2030+” (ab 2015) ist die methodisch direkteste Nachfolge des Verbundansatzes; „Stadt-Land-Plus” (ab 2017) erweitert ihn um die regionale Dimension.
5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen
Die zentralen Befunde des Verbundes haben sich in ihrer Grundstruktur alle bestätigt: demografische Schrumpfung als strukturelles Dauerphänomen, wachsende soziale Ungleichheit, die Notwendigkeit regionaler Kooperation, die Bedeutung von Langfristzielen und Beteiligung als Steuerungsressource. Überh olt ist die implizite Annahme, demografischer und ökonomischer Wandel seien die dominierenden Herausforderungen für 2030: Klimawandel und digitale Transformation wurden als eigenständige Planungsaufgaben nicht antizipiert - sie haben sich inzwischen aber als gleichrangige, wenn nicht dominante Zukunftsdimensionen erwiesen. Neu und grundlegend ist die Frage nach KI in der Verwaltung: Das Difu formuliert in seiner Pressemitteilung vom September 2025 explizit, dass KI Kommunen helfen kann, drängende Klima-, Infrastruktur- und Beteiligungsaufgaben zu bewältigen - die Potenziale werden jedoch nur genutzt, wenn Datenstrategie, IT-Infrastruktur und digitale Kompetenzen systematisch aufgebaut werden. Die vom Stadt-2030-Verbund geforderte institutionelle Verankerung von Zukunftsorientierung hat in den 25 Jahren seither Gestalt angenommen, aber nicht in der vom Verbund erhofften Breite: Einzelne Leuchtturmprojekte (Klimaräte, Reallabore, Stresstest) stehen einer mehrheitlich kurzfristig operierenden kommunalen Praxis gegenüber.
References
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