Gießen und Wetzlar
Gießen / Wetzlar - Von Konkurrenz durch Kooperation zu Konsens

- Bundesland
- Hessen
- Stadtgröße
- Mittelstadt
- Schwerpunkt
- Interkommunale Kooperation zweier benachbarter Mittelstädte, Erinnerung an die gescheiterte Stadt Lahn
- Verbundpartner
- Magistrate beider Städte (Anita Schneider, Manfred Schieche)
- Federführend
- Dezernate Stadtentwicklung und Bau
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Gießen und Wetzlar suchten eine gemeinsame Zukunftsperspektive - und das vor dem Hintergrund der gescheiterten Stadt Lahn aus den 1970er Jahren. Die künstlerische Inszenierung „Auf der Suche nach der versunkenen Stadt Lahn“ brachte die Bevölkerung mit ins Boot und machte ein abstraktes Planungsthema sinnlich erfahrbar.
Das Projekt „Gießen/Wetzlar – Von Konkurrenz durch Kooperation zu Konsens“ im BMBF‑Forschungsverbund „Stadt 2030“ entwickelte Anfang der 2000er‑Jahre eine strategische Perspektive für die gemeinsame Stadtregion an der Lahn, in der die konfliktreiche Geschichte der gescheiterten Stadt Lahn bewusst aufgegriffen und in eine kooperative Zukunftserzählung überführt wurde. Der Verbund verband interkommunale Planung, wirtschaftliche Entwicklung, Kultur und eine künstlerische Stadtraum‑Inszenierung der Lahn zu einem Leitbild kooperativen Handelns, das sich in regionale Leitbilder und spätere Kooperationen einschreibt.
Kerninhalt, Fragestellung und Leitbild
Im Abschlussbericht „Gießen‑Wetzlar 2030. Von Konkurrenz durch Kooperation zu Konsens. Strategie kooperativen Handelns für die Stadtregion“ wird der zentrale Ansatz beschrieben: Ausgehend von der Erfahrung mit der Zwangsfusion zur Stadt Lahn in den 1970er‑Jahren und deren Auflösung sollten Gießen und Wetzlar ein neues, freiwilliges Kooperationsmodell entwickeln. Die Frage lautete, wie sich zwei eigenständige Städte mit starker lokaler Identität, unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen und teilweise konkurrierenden Funktionen (Oberzentrum, Hochschulstandort, Wirtschaftsstandort) zu einer gemeinsam agierenden Stadtregion entwickeln können. Leitbildlich ging es um „Kooperation durch Konsens“: abgestimmte Strategien auf Feldern wie regionale Entwicklungsplanung, Technologiestädte, Hochschul‑ und Wissenschaftsstädte, Flächen‑ und Gewerbeflächenmanagement, Verkehr, urbane Qualität und Kultur.
Federführende Akteure und Besonderheiten
Federführend auf kommunaler Seite war das Dezernat IV der Stadt Gießen mit Stadträtin Anita Schneider, die als politische Ansprechpartnerin im Verbund genannt wird. Auf fachlicher Seite spielten planungswissenschaftliche Akteure wie Uwe Ferber und Peter Rogge eine zentrale Rolle, die das Projekt im Sammelband „Zukunft von Stadt und Region“ darstellen und darin die Stadtregion Gießen‑Wetzlar ausdrücklich als Labor für kooperative Stadt‑Region‑Politik markieren. Gegenüber anderen Stadt‑2030‑Verbünden war Gießen/Wetzlar durch den interkommunalen Zuschnitt, die explizite Auseinandersetzung mit der „Erinnerung an Lahn“ und die starke Verknüpfung von Regionalplanung, Technologiestadt, Hochschulstadt und Kulturstadt mit einer künstlerischen Inszenierung der Lahn besonders profiliert.
Konkrete Umsetzung und Nachwirkungen
Der Abschlussbericht schlägt eine Reihe von „Starter‑Maßnahmen“ vor, darunter eine Machbarkeitsstudie und einen Ideenwettbewerb für einen „Lahnpark“ sowie ein interkommunales Datenmodulsystem für die Sozialberichterstattung. Diese Vorschläge zielen auf eine gemeinsame räumliche und symbolische Aneignung des Flusses Lahn als verbindendes Element der Doppelstadtregion und auf eine kooperative Wissensbasis zu sozialen und demografischen Entwicklungen. In der regionalen Praxis spiegelt sich der kooperative Ansatz später in Instrumenten wie dem Gewerbeflächenkonzept für die Region Mittelhessen, das ausdrücklich auf Erfahrungsaustausch zur interkommunalen Zusammenarbeit verweist und Gießen/Wetzlar als Teil einer gemeinsamen Wirtschaftsregion adressiert.
Eine besonders sichtbare Nachwirkung im Kulturbereich ist der Kulturfonds Gießen‑Wetzlar, der Projekte aus beiden Städten fördert, die den kulturellen Dialog und ein gemeinsames Angebotsprofil unter Wahrung lokaler Eigenheiten stärken. Projekte müssen als Kooperationen konzipiert sein und werden mit bis zu 5.000 Euro pro Vorhaben unterstützt, wobei der Fonds seit Jahren fortgeführt und ab 2026 mit neuen Antragsfristen versehen wurde – ein praktisches Beispiel dafür, wie kulturelle Kooperation aus einem interkommunalen Leitbild heraus dauerhaft institutionell verankert wurde.
Interkommunale Kooperation und Smart City
Die Idee kooperativen Handelns findet sich heute in neuen Feldern wieder: So arbeiten Wetzlar und Gießen gemeinsam mit Offenbach und Fulda im Projekt „Kompetenzzentrum für interkommunale Zusammenarbeit für smarte Daten und KI – Smart KIKZ“ an Datenkompetenz, KI‑Nutzung und Smart‑City‑Entwicklung. Das Hessische Ministerium für Digitalisierung und Innovation fördert das Projekt im Programm „Starke Heimat Hessen“; Aufbau eines interkommunalen Data‑Governance‑Konzepts, Sensorik für Verkehrsströme und Formate wie ein „Young & Smart Citizen Lab“ sollen datenbasierte Entscheidungen und Bürgerakzeptanz stärken. Diese Formen der freiwilligen interkommunalen Zusammenarbeit aktualisieren die im Stadt‑2030‑Verbund angelegte Idee, dass Kooperation in der Region durch Konsens, gemeinsame Projekte und geteilte Ressourcen geprägt sein soll.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Gießen
Die Universitätsstadt Gießen weist in der Kommunalstatistik (Stand Juni 2025, vorbehaltlich Zensus 2022) 92.111 Einwohner aus. Gießen ist Oberzentrum, Verwaltungszentrum der Region Mittelhessen und Hochschulstadt mit mehreren Hochschulen; die Stadtinfos betonen eine „lebendige, junge, bunte“ Struktur, was auf hohe Studierendenanteile, einen relativ niedrigen Altersdurchschnitt und eine ausgeprägte internationale Bevölkerung hindeutet. Die Bevölkerung der Stadt nimmt seit Jahren moderat zu; zugleich verändert sich die Alters‑ und Herkunftsstruktur durch Zuwanderung und Studierendenmobilität, was die im Verbund thematisierte Bedeutung von Daten‑ und Sozialberichterstattung für eine kooperative Stadtregion bestätigt.
Stadtentwicklung und aktuelle Herausforderungen Gießen
Gießen steht heute vor klassischen Wachstums‑ und Verdichtungsfragen: Wohnraumbedarf, Flächenmanagement, Verkehr und die Qualifizierung der innerstädtischen Räume sind zentrale Themen der Stadtentwicklung, die in regionalen Konzepten wie dem Gewerbeflächenkonzept Mittelhessen aufgegriffen werden. Zugleich erfordert die Rolle als Hochschul‑ und Technologiestadt eine Abstimmung mit Umland und Partnerstädten, um Pendlerströme, Gewerbeflächen und infrastrukturelle Lasten zu verteilen – ein Feld, das der Verbund bereits als zentral für interkommunale Kooperation markiert hat. Die Smart‑City‑Kooperation und Projekte zur Data Governance zeigen, dass Gießen die Herausforderung der Digitalisierung und des Fachkräftemangels als neue Dimension interkommunaler Zusammenarbeit annimmt.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Wetzlar
Wetzlar ist als eigenständige Stadt mit industrieller Prägung und starker Kulturtradition Teil des gemeinsamen Agglomerationsraums mit Gießen, insgesamt etwa 200.000 Einwohner umfassend. Die aktuelle Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Landesamts Hessen weist für den Lahn‑Dill‑Kreis, zu dem Wetzlar gehört, ein Bevölkerungsplus gegenüber 2011 aus, was auf einen insgesamt moderaten Wachstums‑ und Nachverdichtungsdruck schließen lässt. Wetzlar arbeitet mit Innenstadt‑ und Stadtentwicklungskonzepten, in denen Konkurrenz und Kooperation mit Gießen ausdrücklich thematisiert werden und die Rolle Wetzlars als führender Standort in der Region in diesem Spannungsfeld verorten.
Aktuelle Herausforderungen Wetzlar
Wetzlar sieht sich wie Gießen mit Fragen des Strukturwandels, der digitalen Transformation und des demografischen Wandels konfrontiert; die Smart‑City‑Kooperation zu KI‑Nutzung in der Verwaltung ist Ausdruck des Versuchs, diese Herausforderungen interkommunal und arbeitsteilig zu bearbeiten. Gleichzeitig spielen Kultur, Identität und die Aufwertung der Innenstadt eine wichtige Rolle; der Kulturfonds Gießen‑Wetzlar und vielfältige gemeinsame Kulturprojekte dienen dazu, das Profil der Doppelstadtregion kulturell zu schärfen und über Kooperation dem Wettbewerb mit anderen Oberzentren zu begegnen. Die Lahn als gemeinsamer Stadtraum ist weiterhin eine räumlich‑symbolische Ressource, deren gestalterisches und freiraumplanerisches Potenzial in Konzepten und Projekten immer wieder aufgegriffen wird – eine direkte Linie zur im Verbund vorgeschlagenen „urbanen Qualitätsoffensive“ und Ideen eines Lahnparks.
Vorweggenommene und nicht antizipierte Probleme
Der Stadt‑2030‑Verbund hat zentrale Themen der heutigen Stadtregion früh aufgegriffen: die Notwendigkeit, Flächen‑ und Gewerbeflächenmanagement, Verkehr, Einzelhandel und Kultur als gemeinsame Aufgaben von Gießen und Wetzlar zu denken; die Bedeutung interkommunaler Daten‑ und Sozialberichterstattung; und die Herausforderung, historische Konflikte wie die gescheiterte Stadt Lahn in kooperative Zukunftsbilder zu überführen. Auch die Einsicht, dass Kooperation in einer polyzentrischen Region freiwillig, konsensorientiert und durch konkrete Projekte (etwa Lahnpark, Kulturfonds) gestützt sein muss, gehört zu den vorweggenommenen Linien, die heute in Smart‑City‑Projekten und regionalen Konzepten fortgesetzt werden.
Nicht antizipiert wurden im Detail die heute zentrale Klimakrise, Energie‑ und Sicherheitsfragen, die Zuspitzung kommunaler Haushaltslagen unter Schuldenbremse sowie die tiefgreifende Digitalisierung von Verwaltung und Gesellschaft. Während der Verbund Kooperation als planerische, wirtschaftliche und kulturelle Aufgabe entwarf, treten heute digitale Infrastruktur, KI‑Nutzung und Datenregime als neue Handlungsfelder hinzu, die erneut interkommunale Abstimmung erfordern. Damit bleibt die Grundidee „Von Konkurrenz durch Kooperation zu Konsens“ aktuell, muss aber um ökologische und digitale Dimensionen erweitert werden, die Anfang der 2000er‑Jahre noch nicht im Mittelpunkt standen.
Für Ihre weitere Analyse der Doppelstadtregion Gießen/Wetzlar: Soll der Schwerpunkt eher auf der historischen Lahn‑Erfahrung und Erinnerungskultur liegen oder auf den aktuellen Formen interkommunaler Kooperation (Kulturfonds, Smart City, Gewerbeflächenkonzept)?
Wichtigste Quellen
- Difu ORLIS - Originaldokumentation Gießen/Wetzlar - das Forschungsdokumentationsportal des Difu mit den Originalberichten des Verbundprojekts.
- Stadt Wetzlar - ISEK Innenstadtentwicklung (PDF) - das aktuelle Innenstadtentwicklungskonzept der Stadt Wetzlar. Es zeigt, wie die im Verbund formulierte Kooperationsidee fortgeschrieben wurde.
- Regierungspraesidium Gießen - Gewerbeflaechenkonzept Mittelhessen (PDF) - regionalplanerische Grundlage fuer die Zusammenarbeit der mittelhessischen Staedte.
- Stadt Wetzlar - Interkommunale Smart-City-Zusammenarbeit - aktuelle Pressemitteilung zur konkreten Kooperation der Staedte Gießen und Wetzlar im Smart-City-Foerderprogramm.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.