Demografischer Wandel und schrumpfende Stadt
Etwa die Hälfte aller Verbünde befasste sich mit Einwohnerrückgängen und ihren Folgen für Stadtgesellschaft, Infrastruktur und Wohnungsbestand.
Kernbefund des Forschungsverbunds
Mitte der 1980er Jahre wurde städtische Schrumpfung erstmals als eigenständiges Forschungsthema erkannt. Im Forschungsverbund „Stadt 2030“ rückte sie zum zentralen Gestaltungsthema auf. Leipzig prägte den Begriff der „perforierten Stadt“, Eisenhüttenstadt verband demografischen Wandel mit Identitätsfragen, Guben und Gubin behandelten Schrumpfung im grenzüberschreitenden Kontext. Die Befunde gingen ein in das Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost.
1. Befunde des Forschungsverbunds
Rund die Hälfte der 21 Verbundprojekte befasste sich mit demografischer Schrumpfung; Albrecht Göschel gilt als führender Autor der Difu-Begleitforschung zu diesem Thema. Der Verbund lieferte mehrere paradigmatische Stadtporträts. Leipzig entwickelte mit der „perforierten Stadt” das methodisch ausgearbeitetste Antwortkonzept: Schrumpfung wurde nicht als Defizit, sondern als Transformationspotenzial gedeutet - selektiver Abriss, Zwischennutzung und Freiraumproduktion sollten stadtstrukturelle Qualität erzeugen. Eisenhüttenstadt untersuchte Identitätsstabilisierung in einer sozialistischen Planstadt unter extremem Bevölkerungsdruck: Der Verlust des kollektiven Selbstverständnisses einer Industriearbeitergesellschaft wurde als eigenständige Herausforderung analysiert, die stadtplanerische Instrumente allein nicht bewältigen können. Guben/Gubin thematisierte grenzüberschreitende Schrumpfung als doppeltes Problem: rascherer Bevölkerungsrückgang auf der deutschen Seite bei gleichzeitig geringeren Ressourcen auf der polnischen Seite, verbunden mit der Herausforderung, über divergierende nationale Planungssysteme hinweg gemeinsame Strategien zu entwickeln. Schkeuditz stand für die andere Seite des Spektrums: eine Kleinstadt im Wachstumspol Flughafen Leipzig/Halle, die Schrumpfungsrisiken und Überhitzungsgefahren gleichzeitig zu bearbeiten hatte. Der erste Band der Reihe „Zukunft von Stadt und Region” (VS Verlag 2005) behandelt unter dem Titel „Integration und Ausgrenzung in der Stadtgesellschaft” auch die soziale Seite der Schrumpfung: wachsende Ungleichheit, Armutssegregation und den Abbau wohlfahrtsstaatlicher Integrationspotenziale.
2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag
Neben Leipzig, Eisenhüttenstadt und Guben/Gubin trug das Beeskow-Projekt zur Schrumpfungsdebatte bei: Als Kleinstadt unter 20.000 Einwohnern in einem dünn besiedelten Raum exemplifizierte es die besondere Vulnerabilität kleiner Zentren, für die der Stadtumbau-Förderrahmen ursprünglich nicht konzipiert war. Das APuZ-Heft B 28/2003 dokumentiert Göschels Befund, dass Schrumpfung in den Projekten mit starkem Bevölkerungsrückgang systematisch tabuisiert wird - Prognosen werden absichtlich kurz gehalten, um Wachstumshoffnungen nicht vollständig zu zerstören, was er als grundlegenden strategischen Fehler qualifiziert.
3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026
Die BBSR-Großstadtstudie „Großstädte als Wohnorte - Re- und Suburbanisierung im Ost-West-Vergleich” (2024) dokumentiert eine Re-Schrumpfung in einigen ostdeutschen Mittelstädten: Nach einer Reurbanisierungsphase (2010 - 2019) hat die Kombination aus Pandemie, Inflation und gestiegenen Wohnkosten die Wanderungsdynamiken neu kalibriert; ländliche Regionen und strukturschwache Mittelstädte verlieren erneut an Bevölkerung. Die BBSR-Bevölkerungsprognose 2045 (2025) erwartet eine stabile Gesamtbevölkerung von 83,1 Millionen bis 2045, jedoch mit weiter wachsender räumlicher Polarisierung: Großstadtregionen wachsen, periphere ländliche Räume und viele ostdeutsche Mittelstädte schrumpfen weiter. Das BBSR-Programm „Wachsende und schrumpfende Kreise” (2025) liefert eine differenzierte Kartographie dieser Entwicklung. Das Difu begleitet 2024/25 mehrere Kommunen bei der Entwicklung neuer Stadtumbaukonzepte, die nicht mehr auf Abriss setzen, sondern auf Umbau, Konversion und Klimaanpassung.
4. Folgeprogramme und Initiativen
Das Bund-Länder-Programm Stadtumbau Ost (ab 2002) war zeitlich parallel zum Forschungsverbund entstanden; sein Problemrahmen - Schrumpfung als strukturelles Dauerproblem, das Umbau und Abriss statt Wachstumsförderung erfordert - ist durch die Verbundbefunde inhaltlich legitimiert worden. Bis 2016 wurden für rund 3,5 Milliarden Euro etwa 350.000 Wohnungen abgerissen. Stadtumbau West (ab 2004) griff das Konzept für westdeutsche Strukturwandelstädte auf. Das Nachfolgeprogramm „Sozialer Zusammenhalt” (ab 2020) überwindet die Wachstums-/Schrumpfungslogik und fokussiert stattdessen auf benachteiligte Quartiere unabhängig vom Bevölkerungstrend. „Lebendige Zentren” adressiert Funktionsverluste in Innenstädten durch Einzelhandelsrückgang und Leerstand. Eisenhüttenstadt erhält 2025/26 aus dem Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung” 3,46 Millionen Euro für Stadtentwicklungsprojekte, darunter weitere Abrissmaßnahmen und Aufwertung des öffentlichen Raums.
5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen
Die Kernhypothese des Verbundes, dass demografische Schrumpfung ein strukturelles Dauerproblem ist, das politisch als Transformation statt als Defizit kommuniziert werden muss, hat sich bestätigt. Die Befunde zur Tabuisierung von Schrumpfungsprognosen haben sich ebenfalls bestätigt: Noch immer neigen politische Akteure in strukturschwachen Räumen dazu, Wachstumshoffnungen zu nähren. Überholt ist die Annahme eines linear prognostizierbaren Schrumpfungspfades: Leipzig als Schwarmstadt zeigte, dass Reurbanisierung innerhalb eines Jahrzehnts strukturschwache Stadtregionen überraschend verändern kann. Neu hinzugekommen ist Klimaanpassung als Treiber eines „Umbaus im Umbau”: Schrumpfende Städte müssen gleichzeitig Leerstand managen, Hitzeinseln minimieren, Hochwasserrisiken begegnen und Energiearmut bekämpfen - eine Komplexität, die im Verbund nicht antizipiert wurde.