Guben und Gubin
Guben / Gubin - Stadt 2030

- Bundesland
- Brandenburg und Polen
- Stadtgröße
- Kleinstadt
- Schwerpunkt
- Doppelstadt an der Neiße, grenzüberschreitende Schrumpfung und Integration
- Verbundpartner
- Stadtverwaltung Guben (Fred Mahro, Sandra Kositz)
- Federführend
- Dezernat I
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Guben und Gubin waren bis 1945 eine Stadt, dann teilte die Neiße sie auf. Der Verbund fragte, wie aus der gemeinsamen Vergangenheit eine gemeinsame Zukunft werden kann. Wichtig dabei: beide Seiten schrumpfen, aber unterschiedlich.
Das BMBF-Verbundprojekt „Guben/Gubin – Stadt 2030” war im gesamten Forschungsverbund das einzige Projekt, das zwei Kleinstädte zweier Staaten unter den extremen Bedingungen doppelter Grenzlage und dramatischer Schrumpfung gemeinsam bearbeitete. Es verband grenzüberschreitende Stadtentwicklung, Identitätssuche und demografischen Umbau zu einem einmaligen Versuchslabor für eine Doppelstadt, die im Forschungsverbund explizit unter dem Thema „Grenzen” geführt wurde.
Kerninhalt, Fragestellung und Leitbild
Kern des Projekts war die Frage, wie zwei Städte, die durch die Oder-Neiße-Linie 1945 voneinander getrennt und seitdem durch unterschiedliche nationale Verwaltungs-, Planungs- und Gesellschaftssysteme geprägt worden waren, unter den Bedingungen massiver Einwohnerverluste, Leerstand und strukturellem Wandel eine gemeinsame Zukunftsidentität als Eurostadt entwickeln können. Das Leitbild der „Eurostadt Guben-Gubin” – 1998 als gemeinsames Projekt gegründet – war bereits vor dem Stadt-2030-Verbund angelegt; der Forschungsverbund vertiefte und konkretisierte es durch wissenschaftlich gestützte Szenarien, dialogische Beteiligungsverfahren und grenzüberschreitende Arbeitsgruppen. Als besonders herausragendes Ergebnis beschreibt der Abschlussbericht des Forschungsverbundes ein „dreidimensionales Stadtmodell für eine Neudefinition städtischer Identität unter extremen Schrumpfungs- und Anpassungsbedingungen”: ein räumlich-symbolisches Konzept, das die geteilte Stadt als zusammenhängende Einheit begreift und für beide Seiten der Neiße gemeinsame Identifikationsangebote entwickelt.
Akteure und wissenschaftliche Partner
Federführend auf kommunaler Seite war die Stadt Guben mit Unterstützung der Stadtverwaltung und der Wohnungsbaugesellschaft GuWo; Gubin war als gleichberechtigter polnischer Partner eingebunden. Das dialogorientierte Internetportal für die Stadt Guben im Rahmen des Verbunds, entwickelt vom Berliner Planungs- und Digitalbüro netzformat, war darauf ausgerichtet, Zukunftsdiskussionen zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern beider Städte über die Sprachbarriere hinweg zu ermöglichen und bürgerschaftliches Engagement im Netz zu bündeln. Besonderheiten gegenüber anderen Verbünden lagen in der Doppelsprachigkeit, der Zweistaatlichkeit, dem akuten Schrumpfungsdruck auf beiden Seiten und der Herausforderung, dass grenzüberschreitende Kooperation unter Bedingungen stark ungleicher Ressourcen (Fördermittel, Verwaltungskapazität, wirtschaftliche Potenziale) zu organisieren war.
Konkrete Umsetzungslinien und Nachwirkungen
Unmittelbare bauliche Maßnahmen waren nicht Teil der Förderung; der Verbund war als „Denk- und Lernlaboratorium” konzipiert. Gleichwohl lassen sich direkte Wirkungslinien in die Stadtentwicklungspolitik beider Städte nachzeichnen. Das Projekt Eurostadt Guben-Gubin, das schon 1998 gegründet worden war, erhielt durch den Verbund eine wissenschaftliche Grundlage und Legitimation, die Folgeprojekte ermöglichten. Im Interreg-Programm Brandenburg-Polen wurde das Projekt „Zwei Rathäuser – eine Eurostadt” (2017–2020) umgesetzt, das auf Integration und Verbesserung der Kooperation in Wirtschaftsförderung, Marketing und interkommunaler Verwaltung zielte und alle gesetzten Ziele erreichte. Hinzu kam ein Interreg-Projekt zur grenzüberschreitenden Verkehrssituation der Eurostadt mit Anbindung an transeuropäische Verkehrsnetze. Im Förderbereich Stadtumbau hat Guben in den vergangenen zwanzig Jahren konsequent Rückbau- und Sanierungsstrategien umgesetzt; 2024 wurde die Gesamtmaßnahme „Altstadt Ost und West” in das Bund-Länder-Programm „Lebendige Zentren” aufgenommen, für das die Brandenburger Baustaatssekretärin Dr. Ina Bartmann am 5. März 2026 Zuwendungsbescheide über insgesamt rund elf Millionen Euro übergab.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Guben (Deutschland)
Die demografische Entwicklung Gubens ist das deutlichste Erbe der im Verbund diagnostizierten Schrumpfungsspirale: Die Stadt, die 1989 noch über 30.000 Einwohner zählte, hatte 2005 nach Angaben des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg etwa 21.000 Einwohner; bis 2015 war die Zahl auf rund 17.500 gesunken, bis 2020 auf etwa 16.700. Ende 2025 wies Guben noch 15.613 Einwohner aus. Die Bevölkerungsprognosen des Landes Brandenburg für den Zeitraum 2024 bis 2040 zeigen mehrere Szenarien, die je nach Variante zwischen 12.000 und 15.000 Einwohnern für 2040 liegen – ein weiterer Rückgang um 5 bis 20 Prozent gegenüber heute. Gleichzeitig schreitet die Alterung voran: Der Anteil älterer Menschen steigt, der Anteil junger Familien und Kinder nimmt weiter ab.
Stadtumbau, Leerstand und INSEK in Guben
Die Stadt Guben verfolgt seit Jahren eine konsequente Stadtumbaustrategie: Rückbau von außen nach innen, Konzentration auf die Altstadt und Aufwertung des öffentlichen Raums, sozial verträgliche Stilllegung und Rückbau von überschüssigem Wohnraum. Die Stadtumbaustrategie setzt dabei auf einen „Ziel-Leerstand” von zehn Prozent, der durch Stilllegung und Rückbau stabilisiert werden soll, ohne die soziale Infrastruktur weiter zu reduzieren. Die Wohnungsbaugesellschaft GuWo erhielt im März 2026 Fördermittel von 1,4 Millionen Euro gezielt für den Rückbau von Wohngebäuden. Das INSEK Guben wurde im Januar 2024 durch einen partizipativen Prozess mit Bürgerrat, Workshops, Steuerungsrunden und Online-Beteiligung fortgeschrieben und am 22. Mai 2025 von der Stadtverordnetenversammlung als strategisches Leitinstrument für den Zeitraum bis 2035 verabschiedet.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Gubin (Polen)
Auch Gubin wurde vom Bevölkerungsschwund stark erfasst: Vom Höchststand 1994 sank die Einwohnerzahl kontinuierlich; für 2024 weist das polnische Statistikamt 15.606 Einwohner aus. Hochrechnungen für 2025 gehen von etwa 15.212 Einwohnern aus, was einem weiteren jährlichen Rückgang von rund 1,2 Prozent entspricht. Die Sozioökonomische Studie Guben-Gubin, erstellt im Rahmen des Interreg-Programms, bezifferte die Gesamtbevölkerung der Eurostadt 2022 auf rund 40.000 Einwohner (Guben ca. 16.600, Gubin-Stadt ca. 15.400, Landgemeinde Gubin ca. 7.100) und prognostiziert für Guben bis 2030 einen weiteren Rückgang um fast 16 Prozent. Gubin leidet im Vergleich zur deutschen Schwesterstadt unter einem deutlichen infrastrukturellen Rückstand, geringeren EU-Fördermitteln und einer weniger ausdifferenzierten Stadtplanungskapazität; die Alterung der Bevölkerung, Abwanderung junger Menschen und fehlende wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven prägen das Bild.
Aktuelle Herausforderungen und Bilanz des Verbundes
Der Stadt-2030-Verbund hat die Kernprobleme von Guben und Gubin mit großer Präzision vorweggenommen: die doppelte demografische Schrumpfung auf beiden Seiten der Neiße, die strukturelle Asymmetrie zwischen deutschem und polnischem Teil, die Notwendigkeit grenzüberschreitender Identitätsbildung unter Bedingungen unterschiedlicher Rechts- und Verwaltungssysteme sowie die zentrale Rolle von Stadtumbau, Rückbau und Leitbildprozessen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Vorweggenommen wurden auch die Bedeutung digitaler Beteiligungsformate und die strukturelle Unterfinanzierung beider Städte, die die Umsetzung von Kooperationsprojekten erschwert.
Nicht oder kaum antizipiert wurden hingegen das Ausmaß des politisch-gesellschaftlichen Rechtsrucks in der Region, der in Guben und Umland ähnliche Dynamiken zeigt wie in anderen Teilen Ostbrandenburgs und Ostsachsens. Auch die Klimakrise als neue Planungspflicht – Klimaanpassung in einer schrumpfenden Stadt mit hohem Leerstand, veralteter Infrastruktur und knappen Mitteln – ist ein Themenfeld, das im Verbund zwar im Kontext der Siedlungsentwicklung angelegt, aber nicht als eigenständige Zukunftsdimension entwickelt wurde. Schließlich erwies sich die Erwartung, dass der EU-Beitritt Polens 2004 einen raschen wirtschaftlichen Aufholprozess in Gubin auslösen würde, als zu optimistisch: Die strukturellen Asymmetrien zwischen beiden Stadtteilen bestehen trotz zwanzig Jahren gemeinsamer Interreg-Förderung fort.
Wichtigste Quellen
- Stadt Guben - Integriertes Stadtentwicklungskonzept (INSEK) - das aktuelle ISEK der Stadt Guben. Es zeigt, wie die im Verbund formulierten Ansaetze zur grenzueberschreitenden Schrumpfung fortgeschrieben wurden.
- Guben - Stadtumbaustrategie (PDF) - die konkrete Strategie der Stadt fuer Rueckbau, Aufwertung und Konversion.
- Eurostadt Guben-Gubin - Interreg-Projekte - die offizielle Plattform der grenzueberschreitenden Kooperation mit aktuellen EU-Foerderprojekten.
- MIL Brandenburg - Foerdermittel Stadtentwicklung Guben (2026) - aktuelle Foerderzusage des Landes Brandenburg. Direkter Nachhall der Verbund-Befunde.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.