Görlitz und Zgorzelec
Görlitz / Zgorzelec - Ein gemeinsames Leitbild für die deutsch-polnische Europastadt

- Bundesland
- Sachsen und Polen
- Stadtgröße
- Mittelstadt
- Schwerpunkt
- Grenzüberschreitende Stadtentwicklung im Vorfeld der EU-Osterweiterung
- Verbundpartner
- Stadtplanungsamt Görlitz (Lutz Penske)
- Federführend
- Stadtplanungsamt
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Der Verbund formulierte ein gemeinsames Leitbild für Görlitz und Zgorzelec. Aus der Grenzlage sollte mit der EU-Osterweiterung eine Brückenstadt werden. Damit wurde das Doppelprojekt zum Modellfall grenzüberschreitender Stadtplanung in Deutschland.
Das BMBF-Verbundprojekt „Stadt 2030 – Gemeinsames Leitbild für die Europastadt Görlitz/Zgorzelec” (Laufzeit Oktober 2001 bis Februar 2004) war im Forschungsverbund das einzige zweistaatliche Projekt und damit bundesweit einmalig in seiner Konstruktion: Zwei Städte, die durch die Oder-Neiße-Grenze 1945 zwangsgetrennt worden waren, entwickelten gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung Dresden (IÖR) erstmals ein wissenschaftlich gestütztes Zukunftsleitbild für die gesamte Europastadt.
Historischer Hintergrund und Fragestellung
Mit der Teilung der damals über 100.000 Einwohner zählenden Stadt Görlitz durch die Oder-Neiße-Grenze entstand nach 1945 nicht nur eine Staatsgrenze, sondern auch eine kulturelle und sprachliche Schranke; Zgorzelec wurde mit polnischen Vertriebenen aus den ehemals ostpolnischen Gebieten besiedelt und entwickelte sich weitgehend unabhängig von der deutschen Schwesterstadt. Erst nach 1989/90 ermöglichte die politische Wende eine eigenständige Zusammenarbeit; Mitte der 1990er Jahre wurde eine grenzüberschreitende Koordinierungskommission beider Stadtverwaltungen und eine gemeinsame Stadtratskommission eingerichtet, und 1998 proklamierten beide Städte symbolisch die gemeinsame „Europastadt Görlitz/Zgorzelec”. Zentrales Anliegen des Stadt-2030-Projekts war die Frage, wie szenariengeleitete Kommunikations- und Interaktionsprozesse in einer geteilten Grenzstadt gestaltet werden können, um das städtebauliche und institutionelle Zusammenwachsen voranzutreiben – unter den besonderen Bedingungen rechtlicher, wirtschaftlicher und soziokultureller Barrieren sowie des bevorstehenden Strukturbruchs durch den EU-Beitritt Polens.
Federführung, Akteure und Leitbild
Federführend auf kommunaler Seite war das Stadtplanungs- und Bauordnungsamt Görlitz; wissenschaftlicher Hauptpartner war das IÖR Dresden unter Koordination von Prof. Dr. Hans Petzold (Hochschule Zittau/Görlitz), unterstützt von einem breiten deutsch-polnischen Forschungsverbund mit der Technischen Universität Dresden, der Hochschule Zittau/Görlitz, dem Niederschlesischen Zentrum für kommunalpolitische Bildung Wrocław, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, den Technischen Universitäten Wrocław und Cottbus sowie europäischen Partnerinstituten aus England und den Niederlanden. Das Leitbild fasste beide Städte als eine „europäische Einheit” auf, in der gemeinsame Bildung, Kultur, Wirtschaft, Infrastruktur und kommunale Selbstverwaltung erarbeitet werden sollten – mit dem expliziten Anspruch, grenzüberschreitende Vertrauensgemeinschaften aufzubauen und städtebauliche wie infrastrukturelle Disproportionen zu überwinden. Gegenüber allen anderen Stadt-2030-Verbünden war die Zweisprachigkeit und Zweistaatlichkeit des Projekts einmalig: Es musste nicht nur eine kommunale Verwaltungskultur, sondern zwei unterschiedliche nationale Planungs-, Rechts- und Verwaltungssysteme miteinander in Dialog bringen.
Methoden und Kommunikationsarenen
Das Projekt arbeitete in drei Modulen: Grundlagenorientierte Forschung (Szenarien, Netzwerkanalyse, städtebauliche Entwürfe), Erprobung und Anwendung (Zukunftsdialog in fünf grenzüberschreitenden Arbeitsgruppen beider Stadtverwaltungen) sowie Projektkoordination durch eine deutsch-polnisch besetztes Projektbüro in Görlitz. Als Ankerveranstaltungen fungierten eine zehntägige Sommerakademie im September 2002, bei der 27 Studierende von zehn Hochschulen städtebauliche Ideen als Animationsfilme entwickelten, eine Szenariokonferenz im November 2002 mit 140 Teilnehmern und zehn wissenschaftlichen Expertisen, sowie eine zweitägige Perspektivenwerkstatt im Mai 2003 mit Stadträten und Öffentlichkeit beider Städte. Hinzu kamen ein Internationales Symposium mit Vertretern von zehn west- und mittelosteuropäischen Grenzstädten sowie kreative Beteiligungsformate wie der Internetwettbewerb „Futurecards 2030”, bei dem Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland, Polen, Frankreich und Israel Postkarten zur Zukunft der Europastadt gestalten konnten.
Als eines der Hauptergebnisse im Gesamtverbund gelten ausdrücklich „politisch abgesicherte Vertrauensgemeinschaften und wissenschaftlich gestützte Szenarien für eine grenzüberschreitende Kooperation”. Der Abschlussbericht empfahl die Fortschreibung des Kooperationsprozesses über ein angepasstes Partnerschaftsabkommen und die Aufnahme prioritärer grenzüberschreitender Projekte in den Stadtvertragsrahmen beider Städte.
Konkrete Nachwirkungen und Umsetzungslinien
In Görlitz lieferte das Verbundprojekt einen wichtigen Impuls für das erste Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK), das der Stadtrat ebenfalls 2001 beschloss und das vor dem Hintergrund sich abzeichnender demografischer Veränderungen und erforderlicher Stadtumbaumaßnahmen als Grundlage integrierter kommunaler Planung diente; fortgeschrieben wurde es 2012 und seither kontinuierlich aktualisiert, zuletzt 2015 um ein Fachkonzept „Brachen”. Die grenzüberschreitende Kooperation, die im Verbund institutionell aufgebaut und durch Vertrauensaufbau stabilisiert wurde, setzt sich heute in Interreg-Förderprogrammen zwischen Polen und Sachsen fort: Im Oktober 2024 bestätigte der Begleitausschuss des Kooperationsprogramms Interreg Polen–Sachsen zwei Eurostadtprojekte mit insgesamt über vier Millionen Euro, darunter TRANSEURO+ (Verkehrsverbund Oberlausitz/Neiße, rund 700.000 Euro) und den Brückenpark II. Das bemerkenswerteste aktuelle Kooperationsprojekt ist jedoch UNITED HEAT: Stadtwerke Görlitz AG und ihr polnischer Partner SEC Zgorzelec planen ein gemeinsames Joint Venture, dessen Fernwärmeverbindung über die Lausitzer Neiße bis 2030 die gesamte Europastadt klimaneutral versorgen soll. Die Europäische Kommission hat dafür bis Ende 2025 insgesamt 38 Millionen Euro bewilligt, die Bundesförderung (BAFA/BEW) sichert weitere 81,6 Millionen Euro auf deutscher Seite; im April 2026 begann der Bau der verbindenden Fernwärmeleitung. Dieses Projekt ist die unmittelbarste baulich-technische Konsequenz des im Stadt-2030-Verbund entwickelten Leitbilds der gemeinsamen Infrastruktur.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Görlitz
Die demografische Situation in Görlitz war bereits zum Zeitpunkt des Verbundprojekts durch drastischen Rückgang geprägt: Die Einwohnerzahl war von rund 79.000 im Jahr 1989 auf etwa 62.000 im Jahr 2003 gesunken. Das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen weist für die Bevölkerungsfortschreibung folgende Werte aus: 2005 lebten 57.629 Personen in Görlitz, 2015 waren es 55.255, 2020 dann 55.784 und Ende 2021 (der aktuellste Fortschreibungswert) noch 55.519. Die Prognose des Statistischen Landesamtes für 2024 liegt je nach Variante zwischen 56.810 und 57.050 – ein leichter Anstieg gegenüber dem Tiefpunkt um 2011 (54.283), der auf Zuzug durch Studierende, Fachkräfte und zeitweise Zuwanderung von Schutzsuchenden zurückgeführt wird. Heute zählt die Stadt rund 57.000 Einwohner; das Durchschnittsalter lag 2021 bei 47,9 Jahren und der Altenquotient bei 54,4, was eine ausgeprägte Alterung belegt.
Stadtumbau, Leerstand und aktuelle Herausforderungen in Görlitz
Görlitz verfügt über ein historisch bedeutendes gründerzeitliches Ensemble mit hohem denkmalpflegerischem Wert; in der Innenstadt sind 40 Prozent aller Wohnungen konzentriert. Der langjährige Teufelskreis aus Wirtschaftskrise, Bevölkerungsschwund und Leerstand, den Fachmedien als strukturelles Problem der Stadt seit Jahren beschreiben, hat sich durch Stadtumbaumaßnahmen und Denkmalschutzinvestitionen zwar gemildert, aber nicht grundlegend überwunden. Die Stadt Görlitz führt 2024 eine öffentliche Umfrage zur Stadtentwicklung durch und arbeitet an einem aktuellen Leitbild, das Bürgerbeteiligung ausdrücklich als Mittel der Stadtplanung verankert. Auf der gesellschaftspolitischen Ebene ist die starke Präsenz rechtsextremistischer Strukturen in der Region ein Problem, das das Verbundprojekt nicht vorweggenommen hat: Die Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten in Sachsen hat sich 2024 im Vergleich zu Vorjahren mehr als verdoppelt, was das Klima für Bürgerengagement und Toleranz belastet. Demgegenüber zeigen grenzüberschreitende Ereignisse wie der gemeinsame CSD 2025, den rund 850 Teilnehmende durch Görlitz und Zgorzelec trugen, dass das Zusammenwachsen der Europastadt in der Zivilgesellschaft real gelebt wird.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Zgorzelec
Zgorzelec verzeichnete bis Mitte der 1990er Jahre aufgrund des Bergbau- und Energiewirtschaft-Booms und des prosperierenden Grenzhandels noch Einwohnerzuwachs; seit 1995 nehmen die Einwohnerzahlen jedoch auch hier ab. Der Projektbericht nennt für 2003 rund 35.000 Einwohner; bis Ende 2020 ist die Bevölkerung nach vorliegenden Daten auf 29.810 gesunken, für 2023 weisen demographische Statistiken noch rund 28.931 Einwohner aus. Der demografische Rückgang in Zgorzelec ist damit proportional stärker als in Görlitz und hat die Stadt in eine periphere Randlage versetzt, die im Verbundprojekt als strukturelles Hemmnis grenzüberschreitender Kooperation explizit thematisiert wurde. Mit ca. 55.000 bis 57.000 Einwohnern in Görlitz und ca. 29.000 bis 31.000 in Zgorzelec umfasst die Europastadt insgesamt rund 85.000 bis 88.000 Menschen.
Aktuelle Herausforderungen Zgorzelec
Zgorzelec kämpft mit anhaltender Abwanderung, geringeren kommunalen Finanzressourcen im Vergleich zur deutschen Seite und einer schwächeren institutionellen Kapazität in Planung und Verwaltung – Asymmetrien, die bereits im Abschlussbericht als zentrale Hemmnisse für gleichberechtigte Kooperation benannt wurden und bis heute bestehen. Das UNITED-HEAT-Projekt zeigt gleichwohl, dass technische Infrastrukturprojekte mit EU-Förderung diese strukturelle Ungleichheit überbrücken können; auf polnischer Seite ist SEC Zgorzelec gleichberechtigter Partner beim Aufbau des gemeinsamen Fernwärme-Joint-Ventures. Brücken über die Neiße bleiben ein Dauerthema: Trotz langjähriger Wünsche beider Städte nach weiteren Querungen lehnte der Bund bislang zusätzliche Finanzierung ab, was die Verbindung der Europastadt weiterhin einschränkt – eine infrastrukturelle Lücke, die das Verbundprojekt als notwendig erkannt, aber nicht lösen konnte.
Vorweggenommene und nicht antizipierte Probleme
Das Verbundprojekt hat zentrale Entwicklungslinien der Europastadt klar vorweggenommen: die Notwendigkeit dauerhafter grenzüberschreitender Vertrauensgemeinschaften und institutioneller Strukturen, die demografische Schrumpfung auf beiden Seiten der Grenze, die Herausforderung, infrastrukturelle Disproportionen durch grenzüberschreitende Projekte zu überwinden, und die Bedeutung von Szenarien und Leitbildern als Grundlage langfristiger strategischer Zusammenarbeit. Die Klimakrise und die daraus folgende Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Klimaneutralitätsstrategie wurden im Verbund methodisch vorbereitet, aber inhaltlich nicht antizipiert; dass ausgerechnet der Fernwärmeanschluss über die Neiße das Herzstück der heute propagierten Klimaneutralität bis 2030 ist, ist eine historisch bemerkenswerte Kontinuität, die den Wert der damals aufgebauten Kooperationsstrukturen belegt. Nicht vorweggenommen wurden der Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Kräfte in der Region, der gesellschaftlichen Zusammenhalt und internationale Ausstrahlungskraft der Europastadt unter Druck setzt, sowie die globalen geopolitischen Spannungen, die grenzüberschreitende Kooperation zwischen EU-Mitgliedstaaten nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in ein neues politisches Licht rücken.
Wichtigste Quellen
- Stadt Goerlitz - Klimaneutralitaet 2030 - die aktuelle strategische Klammer fuer die Stadtentwicklung in Richtung 2030.
- Stadt Goerlitz - Stadtentwicklungskonzept - das integrierte Konzept der Stadtverwaltung mit aktuellem Stand und Beteiligungsformaten.
- Stadt Goerlitz - 4 Millionen Euro fuer zwei Europastadt-Projekte - aktuelle Foerderung der grenzueberschreitenden Zusammenarbeit Goerlitz/Zgorzelec. Direkter Nachhall des Verbund-Leitbildes.
- Stadtwerke Goerlitz - Deutsch-polnisches Joint Venture United Heat - konkrete grenzueberschreitende Energie-Kooperation. Operationalisierung der Europastadt-Idee.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.