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Kapitel I · Genese des Programms

Vom Ideenwettbewerb zum Forschungsverbund

Wie aus einer Ausschreibung des BMBF im Jahr 1999 das größte deutsche Stadtforschungsprojekt seiner Zeit wurde.

Kernbefund des Forschungsverbunds

Der Forschungsverbund „Stadt 2030“ ging aus einem Ideenwettbewerb des BMBF von 1999 hervor. Eingebettet war er in das Rahmenprogramm „Bauen und Wohnen im 21. Jahrhundert“. Aus über 250 Bewerbungen wählte ein Beirat 21 Verbundprojekte aus. In jedem arbeiteten Stadtverwaltung und Wissenschaft gleichberechtigt zusammen. Das Programm setzte auf Zuwendung statt Auftrag. So waren experimentelle und ergebnisoffene Forschungsfragen möglich.

1. Befunde des Forschungsverbunds

Der BMBF-Ideenwettbewerb „Stadt 2030” wurde im Mai 2000 ausgeschrieben und bildete das Initialprojekt des Forschungsprogramms „Bauen und Wohnen im 21. Jahrhundert”. Hauptautoren des eröffnenden Kapitels der Abschlussbroschüre 2004 waren Sandra Klatt, Bernd Meyer und Thilo Petri (TÜV-Akademie Rheinland als Projektträger Bauen und Wohnen). Ihr zentraler Befund: Angesichts eines breiten gesellschaftlichen Konsenses über die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen fehlten in Stadtplanung und Stadtentwicklung schlüssige Vorstellungen über langfristige Ziele und Modelle - „Ziel- und Orientierungswissen” sei nicht im Tagesgeschäft generierbar, sondern nur durch extern geförderte, ergebnisoffene Forschung. Auf die Ausschreibung gingen 110 Bewerbungsskizzen ein; von diesen wurden 21 Verbünde zur Förderung ausgewählt, an denen insgesamt 33 Städte oder Regionen und 54 wissenschaftliche Institutionen beteiligt waren. Das BMBF stellte dafür insgesamt rund 14 bis 15 Millionen Euro Fördermittel bereit. Die Auswahl folgte drei Strukturierungsprinzipien: den kommunalen Handlungsfeldern Integration, Identität und Regionalisierung (abgeleitet aus den Staatsfunktionen Sozialstaat, Kulturstaat, Rechtsstaat); der Wachstums-/Schrumpfungsdimension; und der Stadtgröße (Groß-, Mittel- und Kleinstädte). Das Zuwendungsprinzip unterschied sich grundlegend von der Auftragsforschung: Arbeitspläne und Methoden wurden von den Antragstellern selbst definiert; die getrennte Antragstellung und anteilige Finanzierung beider Verbundpartner (Wissenschaft und Praxis) verhinderte weisungsgebundene Gutachtenleistungen und ermöglichte stattdessen gleichberechtigte, wechselseitig befruchtende Zusammenarbeit. Praktisch bedeutete das „Lern- und Forschungslaboratorium”, dass Städte jenseits alltäglicher Handlungszwänge und politischer Machtbalancen gemeinsam mit der Wissenschaft Leitbilder, Szenarien und Beteiligungsformate erproben konnten.

2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag

Zur internen Vernetzung dienten thematische Workshops, bei denen jeweils ausgewählte Projektgruppen ihre Zwischenergebnisse präsentierten, sowie drei öffentliche Zukunftsforen: „Stadtschrumpfung als Chance” (Leipzig, Juni 2002), „Perspektiven der Bürgergesellschaft” (Esslingen, November 2002) und „Stadtregionen auf neuen Wegen” (Mülheim, März 2003). Der Abschlusskongress „Auf dem Weg zur Stadt 2030” fand am 24./25. September 2003 in Braunschweig statt. Besonders das Braunschweiger Projekt zur Stadt-Umland-Kooperation (stadtregionaler Kontrakt, von acht Bürgermeistern unterzeichnet), das Götrlitz/Zgorzelec-Projekt (politisch abgesicherte Vertrauensgemeinschaft) und das Leipziger Projekt (Umdeutung von Schrumpfung als strategische Chance) werden in der Abschlussbroschüre 2004 als herausragende Beispiele übertragbarer „Produkte” genannt.

3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026

Das BMBF-Programm „Zukunftsstadt” (seit 2015) übernahm die Verbundphilosophie und forderte ebenfalls gleichberechtigte Wissenschaft-Praxis-Kooperation mit offenem Forschungsdesign. Das BBSR hat 2026 den „Stresstest für Städte” als kostenloses digitales Werkzeug zur risikokompetenten Vorausschau veröffentlicht - zwölf Stressszenarien (darunter Schrumpfung, Schwarmstadt, Außenzuwanderung) werden für alle Kommunen frei abrufbar gemacht; das Format greift das Lernlaboratorium-Konzept in digitaler Form auf. Das ARL-Positionspapier 160 „Resiliente Raumstrukturen” (November 2025) betont die Notwendigkeit dauerhafter institutioneller Strukturen für Langfristplanung - eine direkte Fortschreibung des Stadt-2030-Befunds, dass Zukunftsforschung institutionell verankert werden muss.

4. Folgeprogramme und Initiativen

Das Forschungsprogramm „Zukunftsstadt 2030+” (BMBF ab 2015) übertrug die Verbundphilosophie unmittelbar: Kommunen wurden aufgefordert, gemeinsam mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsvision 2030+ zu entwickeln. Die Fördermaßnahme „Stadt-Land-Plus” (Bekanntmachung 2017, Teil der BMBF-Leitinitiative Zukunftsstadt/FONA3) integriert Stadt-Land-Verflechtungen in den Nachhaltigkeitsrahmen und setzt die Regionalisierungsperspektive des Verbundes fort. Die „Reallabore der Energiewende” und das Programm „Modellprojekte Smart Cities” (MPSC) des BMWSB greifen das Denk- und Lernlaboratorium-Konzept strukturell auf: ergebnisoffene, kommunal verankerte Experimentierräume als Innovationsformat.

5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen

Die Verbundphilosophie der gleichberechtigten Wissenschaft-Praxis-Partnerschaft hat sich als tragfähig erwiesen und ist in alle Nachfolgeprogramme eingeflossen. Die Hypothese, dass Kommunen „auf Vorrat denken” nur mit externen Forschungsanreizen können, gilt weiterhin. Überholt ist die Hoffnung, ein einmaliger Forschungsimpuls könne strukturelle Kurzsichtigkeit dauerhaft überwinden: Ohne institutionelle Verankerung (Foresight-Einheiten, Klimaräte, Strategiestäbe) bleiben Ergebnisse episodisch. Neu hinzugekommen sind Digitalisierung kommunaler Verwaltung und Klimaanpassung als Pflichtaufgaben, die beide dasselbe Förderformat benötigen - experimentelle, gleichberechtigte Kooperation - aber mit deutlich kürzeren Innovationszyklen.


Quellen