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Kapitel IX · Wer plant für wen?

Gender-Perspektiven im Forschungsverbund

Stadtplanung ist nicht geschlechtsneutral. Der Forschungsverbund machte das systematisch zum Thema.

Kernbefund des Forschungsverbunds

Bremen verankerte Gender Mainstreaming von Anfang an als Querschnittsperspektive. Dietzenbach entwickelte einen Beteiligungsansatz, der gezielt Frauen und Jugendliche adressierte, die in klassischen Verfahren unterrepräsentiert sind. Die Befunde flossen in die Debatte um die gendergerechte Stadt der Zukunft ein, lange bevor sie in der breiten Öffentlichkeit ankam.

1. Befunde des Forschungsverbunds

Gender-Perspektiven bildeten eines der zehn Querschnittsthemen des Verbundes; in der Abschlussbroschüre 2004 wurde ein eigenständiges Kapitel verfasst, das unter anderem auf die Arbeiten im Bremer und Dietzenbacher Verbundprojekt zurückgreift. Bremen verankerte Gender Mainstreaming als Querschnittsperspektive in seiner Analyse der „zeitbewussten Stadt”: Lokale Zeitpolitik wurde als genuin geschlechterpolitische Herausforderung verstanden, da Frauen durch die Ungleichverteilung von Care-Arbeit überproportional von unflexiblen Zeitstrukturen öffentlicher Daseinsvorsorge (Betreuungszeiten, ÖPNV-Takte, Öffnungszeiten) belastet werden. Das Bremer Verhandlungsmodell für die individuelle, zeitgerechte Nutzung öffentlicher Angebote war insofern auch ein Beitrag zur gendergerechten Stadtentwicklung. Dietzenbach entwickelte einen Beteiligungsansatz, der Frauen und Jugendliche als bisher systematisch unterrepräsentierte Gruppen explizit adressierte: Statt klassischer Stadtplanungsveranstaltungen wurden niedrigschwellige ästhetische Installationen im öffentlichen Raum als Zugangspunkte genutzt. Die Difu-Studie „30 Jahre Gender in der Stadt- und Regionalentwicklung” (2017, hrsg. von Bauer/Frölich v. Bodelschwingh) zieht eine direkte Linie von den Verbundbefunden zur gegenwärtigen Praxis und kommt zum Ergebnis: Viele Inhalte einer gendergerechten Planung sind im „Mainstream” der kommunalen Planungspraxis angekommen - vollständig implementiert sind sie jedoch nicht.

2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag

Bremen lieferte als einziges Verbundprojekt eine systematische Verbindung von Zeitpolitik, Gender Mainstreaming und kommunaler Daseinsvorsorge - ein Beitrag, der in der Forschung zur „zeitbewussten Stadt” international rezipiert wurde. Dietzenbach demonstrierte als Kleinstadt mit hohem Migrationsanteil, wie Beteiligungsformate für Frauen und Jugendliche mit Migrationshintergrund entwickelt werden können, ohne Assimilation als Vorbedingung zu setzen. Das Stuttgarter Projekt lieferte durch seine Analyse transnationaler Stadtgesellschaft auch Befunde zur Überlagerung von Gender- und Integrationsdimensionen im öffentlichen Raum.

3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026

Die Nationale Stadtentwicklungspolitik hat 2025 „Leitlinien für eine faire, inklusive und sorgende Stadt” veröffentlicht, die acht Handlungsfelder definieren: Repräsentation und Diskriminierungsfreiheit; Sichtbarkeit im öffentlichen Raum; gerechte Mobilität und Barrierefreiheit; zugängliches Wohnen; Sicherheit im häuslichen Umfeld; Care-Arbeit als Stadtentwicklungsaufgabe; gesunde Stadt für alle; und klimasensible Genderplanung. Das DIUT-Gendergerechte-Stadtentwicklung-Handbuch (Dellenbaugh-Losse 2024) dokumentiert den aktuellen Stand der Planungspraxis und referenziert die Difu-Studie „30 Jahre Gender” als Ausgangspunkt. Die „Caring City”-Debatte (vgl. Vortrag Girardi-Hoog, db Bauzeitung März 2024) verbindet gender- und generationengerechte Stadtplanung mit einem erweiterten Verständnis von Sorgearbeit als öffentlicher Aufgabe. Eine Expertise zur geschlechtergerechten Gestaltung eines Bundesmobilitätsgesetzes (2025) referenziert explizit die Difu-STAWAL-Studie und die „30 Jahre Gender”-Publikation als Grundlage für eine genderinformierte Mobilitätspolitik.

4. Folgeprogramme und Initiativen

Wien gilt seit der Einrichtung der Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen 1998 als internationale Referenz; seit 2010 ist Gender Mainstreaming als Kernaufgabe in alle weisungsbefugten Planungsgruppen der Stadt Wien verankert. In Deutschland haben mehrere Städte Gender- und Diversitätsprüfungen als Regelbestandteil von Bebauungsplan- und Gestaltungsverfahren eingeführt. Das Difu-Projekt „Kommunale Integrationspolitik gestalten” (2026) integriert Gender als Querschnittsdimension in die Analyse kommunaler Integrationspolitik. Der Bundesgleichstellungsbericht 2025 und die daraus abgeleiteten Gesetzgebungsvorhaben (Bundesmobilitätsgesetz) verankern Gender Mainstreaming als Planungsnorm auf nationaler Ebene.

5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen

Die Verbundthese, dass Gender Mainstreaming als Querschnittsperspektive in allen Handlungsfeldern der Stadtentwicklung verankert werden muss, hat sich institutionell durchgesetzt, ist in der Praxis aber noch nicht flächendeckend umgesetzt. Die Zeitpolitik als Instrument gendergerechter Stadtentwicklung hat sich in der kommunalen Praxis nur partiell verankert; die Debatte um Kita- und Betreuungszeiten hat die Grundthese jedoch immer wieder bestätigt. Überholt ist ein binäres Geschlechterverständnis als Planungsgrundlage: Die aktuelle Caring-City-Debatte integriert LGBTQ+-Perspektiven, Intersektionalität und ein erweitertes Verständnis von Sorgeverantwortung. Neu und im Verbund nicht antizipiert ist klimasensible Genderplanung: Hitzeinseln und Extremwetterereignisse treffen ältere Frauen, einkommensschwache und care-belastete Bevölkerungsgruppen überproportional - Punkt 8 der nationalen Leitlinien 2025 macht dies zur Planungspflicht.


Quellen