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Kapitel III · Methoden der Zukunftserschließung

Prognosen, Szenarien und Leitbilder

Drei methodische Zugänge zur Zukunft - mit unterschiedlichen Stärken und unterschiedlichen Grenzen.

Kernbefund des Forschungsverbunds

Quantitative Prognosen, qualitative Szenarien und normative Leitbilder lieferten den Verbünden unterschiedliche Werkzeuge. Während Prognosen vor allem demografische Trends nachzeichneten, eröffneten Szenarien das Möglichkeitsdenken, Leitbilder formulierten daraus politische Zielvorstellungen. Erst das Zusammenspiel aller drei Methoden ergab tragfähige Zukunftsentwürfe.

1. Befunde des Forschungsverbunds

Stephanie Bock und Bettina Reimann systematisierten in der Abschlussbroschüre 2004 die Erkenntnisse des Verbundes zu drei komplementären Zugängen zur Zukunftserschließung. Prognosen - quantitative Extrapolation von Trendverläufen - haben ihre größte Stärke in der demografischen Planung: Die natürliche Bevölkerungsentwicklung gilt dem Verbund als Feld mit „größter denkbarer prognostischer Sicherheit” und großer zeitlicher Reichweite, während die wirtschaftliche und soziale Entwicklung deutlich unsicherere Prognosen erlaubt. Leipzig lieferte das prominenteste Prognosebeispiel: Der prognostizierte Einwohnerrückgang auf 350.000 bis 2030 (von damals knapp 500.000) und das daraus abgeleitete Konzept der „perforierten Stadt” versuchten, aus einer pessimistischen Prognose ein konstruktives stadtplanerisches Leitbild zu entwickeln. Szenarien - strukturierte Beschreibungen alternativer Zukünfte - wurden besonders im Stuttgarter Stadtregionsprojekt und im Görlitz/Zgorzelec-Projekt erprobt: Mehrere gleichwertige Pfade sollten politische Abwägungsräume öffnen, statt deterministische Bilder zu fixieren. Leitbilder schließlich - normativ-kommunikative Formulierungen erstrebenswerter Zielzustände - wurden als das wirksamste Instrument für politische Kommunikation identifiziert, sofern sie klar, verständlich und konsensorientiert sind; ihre Wirksamkeit ist jedoch nach Verbundbefund eng an die Bereitschaft der Schlüsselakteure geknüpft, sich auf gemeinsame Ziele zu verpflichten. Der Fünfte Band der Reihe „Zukunft von Stadt und Region” (VS Verlag 2007) fasst die Strategien und Verfahren, innovativen Konzepte und Visionen aller 21 Projekte vergleichend zusammen und beschreibt, wie diese Städte unter den Bedingungen demografischen, ökonomischen und Wertewandels sowie ökologischer Krise Handlungsperspektiven über den Tag hinaus formuliert haben.

2. Verbundprojekte mit besonderem Beitrag

Das Leipziger Schrumpfungskonzept ist nicht nur inhaltlich, sondern methodisch bedeutsam: Es demonstrierte, wie eine pessimistische Prognose durch normative Umdeutung (Leerstand als Potential, Perforation als Chance) politisch kommunizierbar gemacht werden kann. Das Görlitz/Zgorzelec-Projekt entwickelte mit seinen Szenariokonferenzen (November 2002, 140 Teilnehmer) und der Perspektivenwerkstatt (Mai 2003) ein Beteiligungsformat, das Prognosen, Szenarien und Leitbilder in einem öffentlichen Dialog verknüpfte. Das Braunschweiger Projekt zur Stadtregion erarbeitete als „Produkt” einen regional abgestimmten Maßnahmenplan auf Basis alternativer Szenarien - ein Beispiel für die Verbindung von Szenarioplanung und vertraglicher Verpflichtung.

3. Aktueller Forschungsstand 2024 - 2026

Die BBSR-Bevölkerungsprognose 2045 (2025) zeigt die methodische Weiterentwicklung: Statt einer Hauptvariante werden Szenarien-Bündel präsentiert, die Wanderungsdynamiken, Klimamigration und wirtschaftliche Strukturbrüche als Alternativpfade enthalten. Urbane Digitale Zwillinge (UDZ) ermöglichen seit 2023/24 eine kontinuierliche Prognoseaktualisierung in Echtzeit: Fragmentierte Daten werden gebündelt, Szenarien zur kommunalen Wärmeplanung werden auf Basis dynamischer Modelle berechnet. Das ARL-Positionspapier 151 „Künstliche Intelligenz in der Raumentwicklung” (Dezember 2024) analysiert, wie KI-gestützte Prognostik die Transparenz und demokratische Legitimation von Stadtentwicklungsentscheidungen verändert: Wenn Algorithmen Entwicklungspfade empfehlen, wird die normative Grundlage der Prognose zum politischen Problem.

4. Folgeprogramme und Initiativen

Die ISEK-Praxis hat einen vom Difu und BBSR konsolidierten Standard entwickelt, der Prognose, Szenario und Leitbild als aufeinander aufbauende Stufen einer integrierten Analyse verbindet. Das Wärmeplanungsgesetz (in Kraft Januar 2024) verpflichtet alle Bundesländer zur kommunalen Wärmeplanung; bis Anfang Mai 2025 haben bereits 5.085 Gemeinden - fast die Hälfte aller Kommunen - mit der Erstellung eines Wärmeplans begonnen, der methodisch Prognose (Wärmedichte), Szenario (Netzerneuerungspfade) und Leitbild (Klimaneutralitätsziel) kombiniert. Das BBSR-Bundesprogramm „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel” (2025) fördert Resilienzstrategien, die explizit auf Szenarioplanung für extreme Klimaereignisse aufbauen.

5. Bestätigte und überholte Hypothesen / neue Herausforderungen

Die Grundthese des Verbundes - Leitbilder müssen klar, verständlich und konsensorientiert sein und gleichzeitig Komplexität reduzieren statt zu verdrängen - hat sich in der ISEK-Praxis verankert. Die demografischen Prognosen des Verbundes haben sich in ihrem Grundtrend bestätigt, wenn auch nicht in allen Detailverläufen: Leipzig wurde zur Schwarmstadt und übertraf die Wachstumserwartungen, während viele Mittelstädte stärker schrumpften als prognostiziert. Überholt ist die Annahme einer stabilen Zehnjahres-Halbwertszeit von Leitbildern: Klimakrise und digitaler Wandel verlangen dynamische Leitbildfortschreibung in kürzeren Zyklen. Neu und im Verbund nicht antizipiert sind KI-gestützte Prognosen als demokratiepolitische Herausforderung: Transparenz, Algorithmen-Kontrolle und die Frage, wer die Trainingsdaten definiert, werden zu Stadtentwicklungsthemen.


Quellen