Stadtregion Stuttgart
Modell Stadtregion Stuttgart - Dynamik, Integration, Ausgleich

- Bundesland
- Baden-Württemberg
- Stadtgröße
- Region
- Schwerpunkt
- Wachstumsregion, Integration durch Zuwanderung, Ausgleich zwischen prosperierenden und stagnierenden Teilräumen
- Verbundpartner
- Stadtplanungsamt Stuttgart (Joachim Weiler)
- Federführend
- Stadtplanungsamt
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Die Stadtregion Stuttgart verband langfristiges Wachstum mit der Frage nach Integration und sozialem Ausgleich. Zuwanderung aus dem In- und Ausland war dabei Anlass und Forschungsgegenstand zugleich.
Das BMBF-Verbundprojekt „StadtRegion Stuttgart 2030: Dynamik – Integration – Ausgleich” war im Forschungsverbund eines von zwei Großstadtregionsprojekten, die explizit wachsende und konsolidierte Agglomerationsräume repräsentierten. Es war damit neben München das einzige Projekt, das nicht Schrumpfung, sondern die sozialen, räumlichen und institutionellen Folgen von Wachstum unter Bedingungen demographischen Wandels und Migration als Forschungsgegenstand wählte.
Fragestellung, Akteure und Leitbild
Die übergreifenden Forschungsfragen lauteten: Wie kann die StadtRegion 2030 ihrem Auftrag zur sozialen, wirtschaftlichen, räumlichen und funktionalen Integration gerecht werden? Wie können in einer wirtschaftlich und sozial dynamischen StadtRegion Entfaltung und Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger gefördert werden? Diese Fragen wurden in drei Themenfeldern bearbeitet: Integration und sozialer Ausgleich, Partizipation und institutionelle Organisation und Erneuerung. Federführend war das Stadtplanungsamt der Landeshauptstadt Stuttgart (Joachim Weiler, Karin Lauser, Robert Schulze Dieckhoff); wissenschaftliche Partner waren die Kommunalentwicklung LEG Baden-Württemberg GmbH (Prof. Dr. Richard Reschl), das Institut für Geographie der Universität Stuttgart (Prof. Dr. Wolf Gaebe, Dr. Susanne Albrecht), das Städtebau-Institut der Universität Stuttgart (Prof. Dr. Johann Jessen, Prof. Dr. Helmut Bott) sowie der Verband Region Stuttgart (Rainald Ensslin). Als kommunaler Kooperationspartner wirkte die Stadt Ostfildern mit ihrem neu entstehenden Stadtteil Scharnhauser Park mit. Das Leitbild fasste die StadtRegion Stuttgart als eine wirtschaftlich dynamische, polyzentrale und auf historischen Wurzeln beruhende Region auf, die ihre Stärken durch aktive Integrationspolitik, sozialräumlichen Ausgleich und institutionelle Erneuerung dauerhaft sichern und soziale Polarisierungen vermeiden soll.
Besonderheiten und Methodik
Gegenüber allen anderen Stadt-2030-Verbünden war das Stuttgarter Projekt das einzige, das in vier ausdifferenzierten Teilvorhaben gleichzeitig auf globaler, regionaler und Quartiersebene arbeitete und dabei ein mehrstufiges Experten-Delphi bundesweit unter über 300 Wissenschaftlern, Wirtschaftsvertretern und kommunalpolitischen Mandatsträgern mit einem bürgernahen Quartiersformat in Bad Cannstatt, den Neckarvororten und Ostfildern-Scharnhauser Park kombinierte. Zudem nutzte das Stuttgarter Teilprojekt des Städtebau-Instituts erstmals systematisch digitale Medien (interaktive CD-ROM) als Werkzeug partizipativer Szenarienvermittlung – methodisch innovativ für 2002.
Umsetzung und Nachwirkungen
Das Projekt lieferte Bausteine für die langfristige Stadtentwicklungsplanung Stuttgarts und der Region. Das Stuttgarter Stadtentwicklungskonzept, das heute als „Perspektive Stuttgart” firmiert und seit 2023 unter Bürgerbeteiligung in ein neues Leitbild überführt wird, trägt erkennbar die inhaltliche Handschrift des Verbundprojekts: Die fünf Leitziele des Leitbilds 1.0 („Stuttgart ist mutig und erfinderisch”; „Stuttgart ist leistbar”; „Stuttgart ist gerecht”) greifen die Triade Dynamik – Integration – Ausgleich in modernisierter Sprache auf. Im Bereich Wohnungsbau und Konversion ist Stuttgart Rosenstein, das mit 4.700 bis 5.800 Wohneinheiten auf dem frei werdenden Gleisvorfeld entstehen soll, die derzeit größte Umsetzung des im Projekt formulierten Prinzips „Innenentwicklung vor Außenwachstum”; die Planung wurde 2023 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet. Das 2012 eingeführte Klimawandel-Anpassungskonzept KLIMAKS und sein Nachfolger mit mehr als 70 Einzelmaßnahmen und einem eigenständigen Hitzeaktionsplan sind direkte institutionelle Nachwirkungen der im Verbundprojekt betonten Notwendigkeit, topografische und klimatische Besonderheiten der Kessellage Stuttgarts langfristig in der Stadtplanung zu verankern.
Bevölkerungsentwicklung 2005 bis 2024
Stuttgart wuchs über das Projektjahr 2002 hinaus stärker als die meisten Verbundszenarien erwarteten: Ende 2005 lebten 590.605 Personen in der Stadt; Ende 2015 waren es 586.955, Ende 2020 – nach pandemiebedingtem Rückgang – 577.185 und Ende 2024 erreichte die amtliche Einwohnerzahl 612.663. Dieser Anstieg nach dem Pandemietal ist nahezu vollständig auf internationalen Zuzug zurückzuführen: Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt in Stuttgart heute bei über 47 Prozent; damit hat die Stadt eine der höchsten Migrantenanteile unter deutschen Großstädten und steht vor genau den Integrationsaufgaben, die das Verbundprojekt für die „dynamisch wachsende Wachstumsregion” prognostiziert hatte.
Aktuelle Probleme: Vorweggenommenes
Das Verbundprojekt hat die Herausforderungen der heutigen StadtRegion Stuttgart präzise vorweggenommen: die Zunahme sozialer Segregation in wachsenden Regionen trotz oder wegen der wirtschaftlichen Dynamik; die Notwendigkeit einer aktiven institutionellen Erneuerung des Verbands Region Stuttgart als Koordinationsinstanz; und die Verpflichtung, Integrationsaufgaben nicht allein den Kernstadtverwaltungen zu überlassen, sondern auf regionaler Ebene zu kooperieren. Nicht antizipiert wurden hingegen das Ausmaß der Hitzekrise in der Kessellage Stuttgart: Im Juni 2025 wurde ein formaler Hitzeaktionsplan verabschiedet, der Kaltluftschneisen und Stadtbegrünung als planerische Pflichtaufgabe verankert – ein Problem, das 2002 inhaltlich noch nicht im Blick war. Ebenso nicht vorweggenommen wurde die strukturelle Wohnungsbaukrise: 2025 liegen die Baugenehmigungen deutlich unter dem Bedarf; das Projekt hatte mit anhaltendem Flächenwachstum gerechnet, nicht mit einem Einbruch der Investitionstätigkeit unter dem Druck steigender Zinsen und kommunaler Finanznot.
Wichtigste Quellen
- Stadt Stuttgart - Stadtentwicklungsperspektive - die offizielle Anlaufstelle der Stadt mit aktuellen Konzepten und Beteiligungsformaten.
- AKBW - Perspektive Stuttgart, Stadtentwicklungsprozess - fachliche Einordnung des aktuellen Stadtentwicklungsprozesses durch die Architektenkammer.
- Rosenstein Stuttgart - Meilenstein im Stuttgarter Staedtebau - das groesste laufende Stadtentwicklungsprojekt der Region. Konkrete Operationalisierung der Verbund-Leitbilder.
- Stadt Stuttgart - Klimawandel und Klimaanpassung - die aktuelle Klimaanpassungsstrategie. Anschluss an die Verbund-Frage nach Ausgleich und Lebensqualitaet.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.