Karlsruhe
Karlsruhe 2030 - Grenzen überwinden

- Bundesland
- Baden-Württemberg
- Stadtgröße
- Großstadt
- Schwerpunkt
- Wachsende Großstadt im trinationalen Oberrhein-Raum, Regionalisierung über administrative Grenzen
- Verbundpartner
- Amt für Stadtentwicklung (Dr. Edith Wiegelmann-Uhlig)
- Federführend
- Amt für Stadtentwicklung
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Karlsruhe wächst und das Umland wächst mit. Doch Stadtgrenzen und Landesgrenzen passen nicht zur Realität der Pendlerinnen und Pendler am Oberrhein. Der Verbund fragte, wie sich die Region deutsch-französisch-schweizerisch denken lässt - jenseits der Verwaltungsgrenzen.
Das BMBF-Forschungsverbundprojekt „Karlsruhe 2030 – Grenzen überwinden” war im Forschungsverbund „Stadt 2030” dem Schwerpunkt „Regionalisierung” zugeordnet und bildete die einzige Großstadt im Verbund, die explizit grenzüberschreitende Stadtentwicklung in einem trinationalen Kontext – Deutschland, Frankreich, Schweiz – als Leitthema wählte. Es war damit einmalig in seiner tristaatlichen Dimension und stand für den Typ der „wachsenden oder konsolidierten Großstadt”, die ihre Grenzen nicht schrumpfend, sondern expansiv als Kooperationsfeld zu überwinden versuchte.
Kerninhalt und Fragestellung
Ausgangspunkt des Projekts war die Erkenntnis, dass Karlsruhe als Oberzentrum im Agglomerationsraum Oberrhein zwar faktisch in einem dicht verflochtenen Dreiländerraum liegt, aber die grenzüberschreitenden funktionalen Verflechtungen durch administrative Staatsgrenzen, unterschiedliche Rechtssysteme und mentale Barrieren nicht angemessen gestaltbar waren. Die Fragestellung lautete: Wie kann die Stadtregion Karlsruhe bis 2030 unter den Prinzipien nachhaltiger räumlicher Entwicklung Entwicklungsszenarien erarbeiten, die nicht an der Staatsgrenze enden, sondern den Stadt-Umland-Bereich, die Südpfalz, das Nordelsass und die angrenzende Schweizer Region einbeziehen? Als leitendes Bild wurde das Konzept des „Rheinarchipels” entwickelt – eine Metapher für eine polyzentrale, durch den Rhein strukturierte Netzregion, in der Karlsruhe als Knoten, nicht als dominantes Zentrum fungiert.
Akteure und Besonderheiten
Federführend auf kommunaler Seite war das Amt für Stadtentwicklung Karlsruhe unter Leitung von Dr. Edith Wiegelmann-Uhlig. Als wissenschaftlicher Partner mit Federführung in einem Teilprojekt fungierte der Lehrstuhl für Regionalentwicklung und Raumordnung der Technischen Universität Kaiserslautern (TU KL), der sich im Projekt auf die Umwertung von Suburbanisierungsverflechtungen und die räumlich-funktionale Organisation im grenzüberschreitenden Kontext konzentrierte. Weitere Partner stammten aus Frankreich und der Schweiz, was das Projekt gegenüber anderen Stadt-2030-Verbünden einzigartig macht. Das TU-Kaiserslautern-Teilprojekt lief von Juni 2001 bis Dezember 2002; das Gesamtverbundprojekt lief bis 2004. Besonderheiten gegenüber anderen Verbünden lagen in der Kombination einer wachsenden deutschen Großstadt mit einem trinationalen Stadtregionsbezug, dem Fokus auf Suburbanisierung als relativer (nicht dramatischer) Prozess und der konsequenten Nutzung zweier gleichrangiger Entwicklungsszenarien als Abwägungsrahmen für politische Entscheidungen.
Szenarien und Leitbildoptionen
Das Teilprojekt der TU KL entwickelte zwei gleichwertige Entwicklungsperspektiven: die „Regionale Netzstadt” als polyzentrale, demokratisch legitimierte Gesamtorganisation mit intensiven Verflechtungen und egalitärer Kooperation aller Gemeinden sowie die „Europäische Kompetenzregion mit dominantem Oberzentrum”, in der Karlsruhe seine Stellung als prägendes Oberzentrum mit europarelevanten Funktionen ausbaut. Beide Szenarien wurden unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit bewertet und bildeten die Grundlage für Handlungsstrategien und -empfehlungen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Die Bestandsaufnahme hatte dabei gezeigt, dass Suburbanisierung im Agglomerationsraum Karlsruhe zwar vergleichbar mit anderen deutschen Städten, aber moderater ausgeprägt war, unter anderem wegen der polyzentrischen Struktur der Region und weil der Rhein als physische und mentale Barriere wirkte.
Konkrete Umsetzung und Nachwirkungen
Unmittelbar bauliche Umsetzungen waren nicht Teil des Forschungsverbunds; das Projekt war als Lern- und Forschungslabor angelegt. In der langfristigen Stadtentwicklung lässt sich eine direkte Wirkungslinie in der TechnologieRegion Karlsruhe nachweisen: Das Fraunhofer ISI entwickelte gemeinsam mit der TechnologieRegion eine Regionalentwicklungsstrategie 2030, die als Rahmen für eine zukunftsgerichtete, zielorientierte regionale Zusammenarbeit beschrieben wird. Die im Stadt-2030-Projekt erprobte Idee der trinationalen Metropolregion Oberrhein findet heute ihre institutionelle Entsprechung in der Strategie 2030 der Trinationalen Metropolregion Oberrhein (TMO), an der die Regierungspräsidien Karlsruhe und Freiburg, die vier Eurodistrikte am Oberrhein und das Städtenetz beteiligt sind. Zudem wurde Karlsruhe 2015 in den BMBF-Wettbewerb „Zukunftsstadt” aufgenommen, in dem Stadtteilvisionen und Beteiligungsformate erprobt wurden – methodisch eine direkte Fortsetzung der Szenarienarbeit des Stadt-2030-Verbundes.
Stadtentwicklungskonzepte und Klimaschutz
Auf der kommunalen Planungsebene initiierte Karlsruhe bereits 2005 den Prozess „Karlsruhe Masterplan 2015” mit 47 Leitprojekten in zwölf Handlungsfeldern; 2012 folgte das ISEK Karlsruhe 2020, dessen Evaluation 2024 ergab, dass 62 Prozent der festgelegten Projekte bis 2024 abgeschlossen wurden. Derzeit erarbeitet die Stadt ein ISEK Karlsruhe 2040 mit Gesamtkosten von 800.000 Euro und externer Bürobegleitung; der Gemeinderat hat mit breiter Mehrheit die Mittelfreigabe beschlossen. Parallel dazu hat die Stadt ein Klimaschutzkonzept 2030 entwickelt, das die Basis für die Klimaneutralität Karlsruhes bildet.
Bevölkerungsentwicklung 2005 bis 2024
Karlsruhe wies zum Jahresende 2024 nach Angaben des Amts für Stadtentwicklung der Stadt Karlsruhe 301.549 Einwohnerinnen und Einwohner mit Hauptwohnung aus – ohne Berücksichtigung der Bewohner der Landeserstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (LEA) waren es 300.881 Personen. Das Durchschnittsalter lag bei 43,0 Jahren; der Ausländeranteil stieg von 16,6 Prozent im Jahr 2014 auf 21,0 Prozent Ende 2024. Nachdem die Stadt während der Corona-Pandemie Einwohnerverluste verzeichnet hatte, sorgte seit 2022 insbesondere der Zuzug aus der Ukraine für ein Bevölkerungsplus; die Wanderungsbilanz der deutschen Bevölkerung blieb hingegen weiterhin negativ. Die niedrigste Geburtenzahl seit 1985 – 2.343 Kinder im Jahr 2024 – signalisiert einen anhaltenden Rückgang der Geburtenrate auf 1,10 Kinder je Frau.
Aktuelle Probleme und Bilanz des Verbundes
Das Verbundprojekt hat die Grundkonflikte der Karlsruher Stadtentwicklung früh präzise benannt: Suburbanisierung als Segregationsproblem, in dem sozial schwächere Bevölkerungsgruppen in den hochverdichteten Altbauquartieren der Kernstadt verbleiben, während einkommensstärkere Haushalte ins Umland abwandern. Diese Polarisierung zwischen Kernstadt und Umland prägt die Karlsruher Stadtgesellschaft unverändert und wird im ISEK 2040-Prozess als zentrale Entwicklungsaufgabe behandelt. Ebenso vorweggenommen wurden die Herausforderungen grenzüberschreitender regionaler Governance und die Bedeutung kooperativer Stadtregionsmodelle jenseits administrativer Grenzen.
Nicht antizipiert wurden hingegen das Ausmaß der Klimakrise als eigenständige Planungspflicht, die heutige Intensität der Zuwanderung und die kommunalen Haushaltskrisen unter Schuldenbremse-Bedingungen. Auch die IHK Karlsruhe kritisiert 2026 öffentlich, dass die Wirtschaft im ISEK 2040-Prozess bislang zu wenig einbezogen wurde – ein Strukturproblem partizipativer Stadtplanung, das der Verbund in seiner Betonung von Kooperation und Dialog zwar konzeptuell angesprochen, aber nicht für Großstädte mit starker Wirtschaftslobbypräsenz ausreichend ausdifferenziert hat. Insgesamt zeigt die Kontinuität von Masterplan 2015, ISEK 2020, Zukunftsstadt-Prozess und ISEK 2040, dass Karlsruhe die im Stadt-2030-Verbund erprobte Praxis langfristiger Leitbildarbeit institutionell verankert und systematisch weiterentwickelt hat.
Wichtigste Quellen
- Stadt Karlsruhe - Karlsruhe 2040 - das aktuelle Stadtentwicklungskonzept der Stadt. Direkte konzeptionelle Fortsetzung des Verbund-Projekts “Karlsruhe 2030”.
- Stadt Karlsruhe - Klimaschutzkonzept 2030 - das aktuelle Klimaschutzkonzept mit Pfad zur Klimaneutralitaet 2040.
- Fraunhofer ISI - Entwicklungsstrategie TechnologieRegion Karlsruhe 2030 - wissenschaftliche Strategiearbeit zur Regionalentwicklung. Anschluss an das Verbund-Leitbild “Grenzen ueberwinden”.
- Stadt Karlsruhe - Statistik Bevoelkerung 2024 (PDF) - offizielle Bevoelkerungsstatistik. Quelle fuer den Vergleich 2005 bis heute.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.