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Schleswig-Holstein · Strukturwandel

Kiel

Zukunft Kiel 2030

Kiel - Forschungsverbund Stadt 2030
Illustration mit KI auf Basis einer redaktionellen Vorgabe erstellt. Wahrzeichen sind erkennbar, das Bild ist keine dokumentarische Aufnahme.
Bundesland
Schleswig-Holstein
Stadtgröße
Großstadt
Schwerpunkt
Landeshauptstadt im Strukturwandel, Schülerbeteiligung als zukunftsorientiertes Verfahren
Verbundpartner
Stadtplanungsamt (Hans-Jürgen Behnke)
Federführend
Stadtplanungsamt
Laufzeit
2001 bis 2005

Worum es ging

Kiel verband klassische Leitbildarbeit mit einem groß angelegten Schülerwettbewerb. Wer im Jahr 2030 die Stadt gestaltet, ist heute Schülerin oder Schüler - also fragte der Verbund genau diese Generation, wie ihre Stadt aussehen sollte.

Das BMBF-Verbundprojekt „Zukunft Kiel 2030 – Auf zu neuen Ufern” war im Forschungsverbund „Stadt 2030” das einzige Großstadtprojekt mit einem starken Jugend- und Schülerbeteiligungsformat im Rahmen eines systematisch aufgebauten Stadtdialogs. Es nahm die Landeshauptstadt Kiel in einem Moment tiefgreifenden Strukturwandels in den Blick – der Übergang von der Marine- und Werftstadt zur Dienstleistungs-, Wissens- und Kreuzfahrtmetropole war damals keineswegs abgeschlossen.

Fragestellung, Leitbild und Projektstruktur

Die zwei rahmensetzenden Leitziele des Projekts lauteten: erstens die „Inwertsetzung der Meereslage und der durch Konversion verfügbaren Flächen für eine vitale Stadt hoher Lebensqualität unter Durchmischung von Wohnen, Arbeit und Freizeitmöglichkeiten bei Erhaltung der Umwelt- und Landschaftsqualität”; und zweitens eine „umfassende Stärkung der wissenschaftlichen und technologischen Potenziale bei besonderer Betonung maritimer Forschung und Technologie”. Identitätskern des Leitbilds war die Kieler Förde – das Meer in der Mitte der Stadt –, die nicht nur städtebaulich aufzuwerten, sondern als wirtschaftlicher Motor und Erlebnisraum zu aktivieren war.

Federführend war die Landeshauptstadt Kiel (Oberbürgermeisterin Angelika Volquartz, Bürgermeister Ronald Klein-Knott); wissenschaftlicher Kooperationspartner war das Institut Raum & Energie aus Wedel, das den Gesamtprozess moderierte und koordinierte. Die Projektlaufzeit erstreckte sich von 2001 bis 2003.

Schülerbeteiligung als Besonderheit

Gegenüber allen anderen Stadt-2030-Verbünden setzte Kiel auf einen groß angelegten Jugendwettbewerb „Meine Stadt – Meine Visionen”, an dem Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren teilnahmen; parallel wurden Projektwochen an Kieler Schulen durchgeführt, in denen das Thema Stadtentwicklung und Zukunft Bestandteil des Unterrichts wurde. Die Ergebnisse der Jugendlichen flossen in die Leitbildarbeit ein und beeinflussten konkret die Prioritätensetzungen in den Bereichen Freizeitinfrastruktur, Umweltqualität und stadtgeografische Identität. Hinzu kamen fünf Expertenteams zu den Themen Identität und Image, sozioökonomische Rahmenbedingungen, Alterspyramide und Gesundheit, Wirtschaft-Wissenschaft-Kooperation und Verkehr, ergänzt durch einen Dialog-Arbeitskreis Wirtschaft-Wissenschaft unter Leitung des Rektors der Fachhochschule Kiel, Prof. Dr. Reimers, sowie zwei international besetzte Architekten-Workshops. Die Zwischenergebnisse wurden in insgesamt sieben großen öffentlichen Veranstaltungen mit zusammen rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf den Prüfstand gestellt.

Konkrete Umsetzung und Nachwirkungen

Das Projekt hat nach eigenem Bekunden „einen maßgeblichen Beitrag zur nachhaltigen Bewältigung des städtebaulichen und wirtschaftlichen Strukturwandels der Landeshauptstadt Kiel geleistet” und lieferte bundesweit übertragbare Erkenntnisse. Unmittelbares institutionelles Ergebnis war die Gründung des Kieler Salons für Wirtschaft und Wissenschaft (Start September 2003), der über das Projektende hinaus als Motor für die Kooperation zwischen Hochschulen, Unternehmen und Stadtverwaltung fungiert. Auf der Planungsebene mündeten die Erkenntnisse in das Integrierte Stadtentwicklungskonzept Kiel (INSEKK), das die Ratsversammlung am 17. Februar 2011 als Leitlinie für die künftige Stadtentwicklung beschloss und das ausdrücklich auf die Förde-Entwicklung, Konversionsflächen und interkommunale Zusammenarbeit fokussiert. Die Empfehlung, Kiel als Vorreiter umweltfreundlicher Technologien bei der Energieversorgung zu positionieren, findet ihre heutige Entsprechung: Kiel hat seine Wärmeplanung 2024 erfolgreich abgeschlossen und gilt als Vorreiter der kommunalen Wärmewende in Schleswig-Holstein. Das Klimaschutzprogramm der Stadt baut auf dem „Masterplan 100% Klimaschutz” auf, der die Forderung aus dem Stadt-2030-Projekt nach erneuerbaren Energien und klimafreundlichem Verkehr konsequent fortschreibt.

Bevölkerungsentwicklung 2005 bis 2025

Das Projekt „Zukunft Kiel 2030” prognostizierte im Jahr 2001 auf Basis der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Landesamtes Schleswig-Holstein für das Jahr 2030 ohne massive Zuwanderung einen dramatischen Rückgang auf 172.300 Einwohner. Diese Prognose hat sich nicht bewahrheitet: Nach Daten der amtlichen Bevölkerungsfortschreibung des Statistikamts Nord lebten in Kiel Ende 2024 insgesamt 252.668 Einwohner – deutlich mehr als die damals vorhergesagten Szenarien. Für das Jahr 2015 weist die Einwohnerentwicklung Kiels laut verfügbarer Zeitreihen 246.306 Personen aus; das Plus gegenüber dem Tiefpunkt Anfang der 2000er Jahre (rund 230.000) ist wesentlich auf Zuzug – zunächst als Bildungswanderung, dann verstärkt durch Flucht- und Arbeitsmigration – zurückzuführen. Der Ausländeranteil, der 2011 noch 10,7 Prozent betrug, hat sich seitdem deutlich erhöht.

Aktuelle Probleme: Vorweggenommene Herausforderungen

Die wesentlichen Strukturwandel-Diagnosen des Verbundprojekts haben sich bewahrheitet: Die Abkopplung von Marine und Werftindustrie, die Bedeutung von Hochschule, maritimer Wirtschaft und Gesundheitssektor als wirtschaftliche Zukunftsachsen, der demografische Wandel mit steigendem Altersdurchschnitt bei gleichzeitig rückläufiger Geburtenrate und die Notwendigkeit einer engeren Stadt-Umland-Kooperation in der Technologieregion K.E.R.N. Die 2024 abgeschlossene kommunale Wärmeplanung und das Klimaschutzkonzept greifen die im Verbundprojekt explizit formulierten Warnungen vor Meeresspiegelanstieg, Klimaveränderungen und der Notwendigkeit, erneuerbare Energien und umweltfreundlichen ÖPNV zu fördern, direkt auf.

Nicht antizipierte Herausforderungen

Nicht vorweggenommen wurde die Intensität der kommunalen Haushaltskrise unter Schuldenbremse-Bedingungen, die heute viele der empfohlenen Investitionen in Freizeit-, Kultur- und Gesundheitsinfrastruktur gefährdet, sowie die geopolitische Dimension der maritimen Wirtschaft nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, der Kieler Hafen und norddeutsche Sicherheitsinfrastrukturen in ein neues strategisches Licht rückt. Auch die Digitalisierung der Verwaltung und der Wandel im Einzelhandel – der die Innenstadt Kiels ähnlich wie viele deutsche Städte unter Druck setzt – wurde in den Szenarien nicht ausreichend antizipiert. Damit bleibt das Grundgerüst des Verbundprojekts – Förde als Identitätskern, maritim-wissenschaftliche Kompetenz als Wirtschaftsbasis, Beteiligung als Planungsprinzip – als zukunftsfähiges Fundament aktuell, muss aber um Dimensionen der Klimaanpassung, Digitalisierung und geopolitischen Sicherheit erweitert werden.

Wichtigste Quellen