Esslingen
Esslingen - Bürger sein heute, Bürger 2030

- Bundesland
- Baden-Württemberg
- Stadtgröße
- Mittelstadt
- Schwerpunkt
- Bürgerschaftliches Engagement, Beteiligungsverfahren, neue Formen lokaler Demokratie
- Verbundpartner
- Stadtplanungs- und Stadtmessungsamt (Frank Eberhard Scholz)
- Federführend
- Stadtplanungs- und Stadtmessungsamt
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Was heißt es heute und im Jahr 2030, Bürgerin oder Bürger einer Mittelstadt zu sein? Esslingen ging dieser Frage in Workshops, beim Stadtfest und in Schülerbeteiligungen nach. Daraus entstanden Verfahren, die Beteiligung dauerhaft in der Stadtverwaltung verankern.
Das BMBF‑Forschungsverbundprojekt „Esslingen: Bürger sein heute, Bürger sein 2030“ setzte Anfang der 2000er‑Jahre im Stadtteil Pliensauvorstadt ein Labor für lokale Demokratie, neue Beteiligungsverfahren und bürgerschaftliches Engagement auf, das weit über klassische Bürgerbeteiligung hinausging. Es verband eine detaillierte Sozial‑ und Stadtraumanalyse mit dialogischen Formaten („Cafés“), repräsentativen Befragungen und einem Forschungsbeirat und wurde damit zu einem frühen Prototyp einer „Bürgerkommune“ unter Bedingungen von sozialer Ungleichheit und Migration.
Ausgangslage, Fragestellung und Verbundstruktur
Esslingen wurde im Gesamtverbund „Stadt 2030“ als wachsende beziehungsweise konsolidierte Mittelstadt eingeordnet und bearbeitete im Baustein „Integration/Gleichheit“ die Frage, wie die Bürgerrolle in einer sozial polarisierten Stadt künftig aussehen kann. Räumlicher Fokus war die Pliensauvorstadt, ein historisch industriell geprägter Arbeiterstadtteil mit hoher Zuwanderung, überdurchschnittlichem Ausländeranteil und sozialen Problemlagen, der in der Stadt als „falsche Neckarseite“ wahrgenommen wurde und lange als Auffangraum belasteter Nutzungen galt. Federführend war das Stadtplanungs‑ und Stadtmessungsamt (Oberbaudirektor Frank Eberhard Scholz, Petra Schmettow); wissenschaftliche Partner waren Weeber+Partner (sozialkulturelle Strukturen), ORplan (physische Strukturen) und das Institut für Sozialforschung und Sozialplanung (IfSS) für Politik‑ und Verwaltungsstrukturen.
Leitbild, Bürgerrolle und Besonderheiten
Der ursprüngliche Projekttitel „Rethinking citizenship“ wurde im Antrag in „Bürger sein heute – Bürger sein 2030“ übersetzt und zielte darauf, die Bürgerrolle exemplarisch an der Pliensauvorstadt zu überprüfen und Leitbilder für eine „Bürgerstadt“ der Zukunft zu entwickeln. Leitmotivisch standen soziale Integration, gleichwertige Lebensbedingungen trotz unterschiedlicher Herkunft und Status sowie die Emanzipation benachteiligter Gruppen zu Mitverantwortung und Mitbestimmung im Zentrum. Besonderheiten gegenüber anderen Stadt‑2030‑Verbünden waren die starke Konzentration auf einen sozial belasteten Stadtteil, die systematische Verknüpfung von sozialkulturellen, physischen und politisch‑administrativen Strukturen und der sehr hohe methodische Aufwand an dialogischen Formaten mit über 30 „Cafés“ und rund 200 beteiligten Bürgerinnen und Bürgern.
Methoden und Beteiligungsformate
Kern des Projekts war ein mehrstufiger Leitbilddiskurs: niedrigschwellige Gruppengespräche („Cafés“) zu Themen wie „Wohnort Vorstadt“, „Wem gehört das Draußen?“ oder „Sehnsucht nach der Mitte“, ergänzt durch eine Geschichtswerkstatt, eine Zukunftswerkstatt zu Schulen und Kindergärten und spezielle Cafés mit türkischstämmigen Frauen, jungen Erwachsenen oder lokal Engagierten. Die Gespräche wurden durch Zeitreisen in eigene Erinnerungen, Fotodokumentationen mit Einwegkameras und zugespitzte Leitbildaussagen strukturiert, die dann mit wissenschaftlichen Zukunftsdebatten gespiegelt wurden. Hinzu kamen eine repräsentative telefonische Bewohnerbefragung in zwei Wellen (2001/2002) zur sozialen Struktur und zu Einstellungen im Stadtteil sowie ein Forschungsbeirat mit Vertreterinnen und Vertretern aus Bildung, Kultur, Wirtschaft und Verbänden, der die Ergebnisse diskutierte.
Konkrete Umsetzung und Spuren in der Stadtpolitik
Das Projekt war explizit als Lern‑ und Forschungslabor angelegt, nicht als Investitionsprogramm; unmittelbare bauliche Maßnahmen gehörten nicht zum Förderumfang. Gleichwohl empfahl der Abschlussbericht eine Fortsetzung des Partizipationsprozesses, die Stärkung der „Bürgerkommune Esslingen“ und eine besondere Förderung von Stadtteilen mit belasteten Lebensbedingungen – Forderungen, die später im Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Soziale Stadt“ aufgegriffen wurden. In der Folge wurde die Pliensauvorstadt in das Bund‑Länder‑Programm aufgenommen; damit einher gingen quartiersbezogene Projekte, bauliche Aufwertungen und sozialraumorientierte Angebote, die sich an den im Verbund herausgearbeiteten Leitbildern für öffentliche Räume, Nachbarschaft und Teilhabe orientierten.
Im Bereich Beteiligung und lokale Demokratie wirkte das Verbundprojekt wie ein methodisches Testfeld: die Erfahrung mit moderierten Kleingruppen, zielgruppenspezifischer Ansprache und der Verbindung von Bürgerdiskurs und repräsentativer Befragung floss in später praktizierte Formen von Bürgerwerkstätten und Beteiligung in Stadtentwicklungsprozessen ein. Auch die Diskussion über die Rolle von Bürgerausschüssen, Runden Tischen und Lokaler Agenda sowie die Debatte um „Verwaltung 2000 plus“ und bürgerorientierte Verwaltungsreform wurden im Projekt eng mit der Bürgerperspektive verknüpft und begründeten eine dauerhafte Sensibilisierung für Beteiligung auch verwaltungsintern.
Bevölkerung und Stadtentwicklung: Esslingen 2005–2025
Der Projektbericht beschreibt Esslingen Anfang der 2000er‑Jahre als Stadt mit etwa 90.000 Einwohnern, starker industrieller Tradition (u.a. Automobil‑ und Zulieferindustrie) und einem erheblichen Anteil ausländischer Bevölkerung, insbesondere konzentriert in der Pliensauvorstadt. Die kommunalen Statistiken, auf die der Bericht sich stützt, zeigen für die Pliensauvorstadt bereits damals rund 5.700 Einwohner, hohe Kinderanteile, einen Ausländeranteil von etwa 35 Prozent und überdurchschnittlich viele Haushalte mit niedrigen Einkommen und Sozialhilfe‑ bzw. Wohngeldbezug. Neuere landesweite Auswertungen zum Landkreis Esslingen weisen zwischen Zensus 2011 und Zensus 2022 einen Bevölkerungszuwachs von 27.136 Personen auf, was auf moderate, aber kontinuierliche Wachstumsprozesse in Stadt und Umland und eine zunehmende demografische Alterung schließen lässt; die amtliche Fortschreibung wird ab 2026 vollständig auf Basis des Zensus 2022 weitergeführt.
Während Esslingen insgesamt als „wachsende beziehungsweise konsolidierte Mittelstadt“ ohne Schrumpfungskrise galt, diagnostizierte das Projekt für einzelne Stadtteile deutliche Segregationstendenzen: hohe Konzentration von Migrantinnen und Migranten, Arbeitslosigkeit, niedrigem Bildungsniveau und geringem politischem Einfluss bei gleichzeitig starker emotionaler Bindung an den Stadtteil. Daraus leiteten die Autorinnen und Autoren die Notwendigkeit einer integrierten Stadtteilpolitik ab, die bauliche Erneuerung, soziale Infrastruktur und Beteiligung verbindet – ein Ansatz, der später im Rahmen integrierter Konzepte und Quartiersmanagement‑Strukturen verstetigt wurde.
Aktuelle Leitbilder, ISEKs und Seniorenplanung
Esslingen arbeitet inzwischen mit verschiedenen integrierten Konzepten, in denen Beteiligung und bürgerschaftliches Engagement programmatisch verankert sind; die Seniorenplanung „Ein gutes Alter in Esslingen – Kommunale Planung für Senior:innen bis 2030“ etwa setzt explizit auf quartiersbezogene Partizipation und die Stärkung selbstbestimmter Lebensformen älterer Menschen. Inhaltlich knüpft sie an im Verbundprojekt diskutierte Themen wie „Generationen und privates Leben“, „Teilhabe und Stadtteilleben“ und die Notwendigkeit gleichwertiger Lebensbedingungen über Herkunfts‑ und Statusgrenzen hinweg an. Auch neue ISEK‑Verfahren für die Innenstadt und andere Teilräume, in denen Bürgerwerkstätten und Online‑Formate eine große Rolle spielen, lassen sich zumindest methodisch auf die im Verbund entwickelte Kultur der Beteiligung zurückführen.
Vorweggenommene und nicht antizipierte Probleme
Das Esslinger Stadt‑2030‑Projekt hat zentrale Herausforderungen früh adressiert, die die Stadt 2024/2025 weiterhin prägen: soziale Polarisierung zwischen „Talstadt“ und „Höhenstadt“, Integrationsfragen in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil, die Gefahr einer „Zweidrittelgesellschaft“ und die politische Unterrepräsentation benachteiligter Quartiere. Es thematisierte auch den demografischen Wandel, die Alterung und die Notwendigkeit generationengerechter Infrastruktur sowie die Spannung zwischen lokalen Demokratieformen (Bürgerausschüsse, Gemeinderat) und einer stark verwaltungsdominierten Süddeutschen Ratsverfassung.
Nicht oder nur am Rand vorweggenommen wurden hingegen Themen, die heute die kommunale Agenda stark bestimmen: die Klimakrise und ihre lokalräumlichen Folgen, finanzielle Konsolidierungszwänge, Investitionsstau und Haushaltsrisiken unter Schuldenbremse‑Bedingungen sowie die Dynamik der Wohnungsmarktanspannung in einem engen Verdichtungsraum. Auch die mittlerweile erheblich gestiegene internationale Zuwanderung mit komplexen Anforderungen an bezahlbaren Wohnraum und interkulturelle Stadtteilentwicklung wurde im Projekt eher als allgemeine Integrations‑ und Segregationsfrage, nicht in ihrer heutigen Größenordnung und politischen Brisanz prognostiziert.
Gleichwohl bietet der Verbund „Esslingen: Bürger sein heute, Bürger 2030“ bis heute ein normatives und methodisches Fundament: die Vorstellung der „Bürgerkommune“, die Kombination aus sozialräumlicher Analyse und dialogischen Formaten und die Idee, dass benachteiligte Stadtteile besondere Aufmerksamkeit, Ressourcen und Beteiligungschancen benötigen. Auf dieser Grundlage konnte Esslingen später Programme des Stadtumbaus, der Sozialen Stadt, integrierte Planungen und Senioren‑ bzw. Beteiligungskonzepte so gestalten, dass lokale Demokratie und Engagement nicht als Anhängsel, sondern als Kernressource der Stadtentwicklung begriffen werden.
Gibt es für Ihre Auswertung einen besonderen Fokus – eher die demokratietheoretische Dimension der Bürgerrolle oder eher die stadtteilbezogene Sozial‑ und Raumstruktur der Pliensauvorstadt?
Wichtigste Quellen
- Stadt Esslingen - Seniorenplanung Langfassung (PDF) - das aktuelle integrierte Konzept fuer die Belange aelterer Esslingerinnen und Esslinger. Es fuehrt die im Verbund verankerte Beteiligungskultur fort.
- Stadt Esslingen - Wirtschaftsstandort - offizielle Darstellung des aktuellen Wirtschafts- und Standortprofils. Hintergrund fuer den Strukturwandel seit 2005.
- Landtag Baden-Wuerttemberg - Drucksache zu Buergerbeteiligung (PDF) - parlamentarische Einordnung der Beteiligungskultur des Landes. Esslingen wird als Praxisbeispiel benannt.
- weeberpartner - Referenzen - das Stuttgarter Buero hat den Esslinger Verbund wissenschaftlich begleitet. Ueberblick ueber laufende Anschlussprojekte.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.