Forschungsverbund Stadt 2030 · Archiv und Wissensportal Bibliographie · Impressum · Datenschutz
Bremen · Strukturwandel

Bremen

Bremen 2030 - eine zeitbewusste Stadt

Bremen - Forschungsverbund Stadt 2030
Illustration mit KI auf Basis einer redaktionellen Vorgabe erstellt. Wahrzeichen sind erkennbar, das Bild ist keine dokumentarische Aufnahme.
Bundesland
Bremen
Stadtgröße
Großstadt
Schwerpunkt
Zeitliche Dimensionen der Stadtentwicklung, lokale Zeitpolitik, Gender Mainstreaming
Verbundpartner
Senator für Bau und Umwelt (Dr. Ulrike Baumheier)
Federführend
Senatsressort Bau und Umwelt
Laufzeit
2001 bis 2005

Worum es ging

Bremen setzte einen ungewöhnlichen Akzent: die „zeitbewusste Stadt“. Wie verteilt eine Großstadt Ressourcen, Aufmerksamkeit und Beteiligungschancen, wenn sich Lebensrhythmen verändern? Bremen war zudem der einzige Verbund, der Gender Mainstreaming von Anfang an systematisch mitdachte.

Das Bremer Projekt „Bremen 2030 – eine zeitbewusste Stadt“ im BMBF‑Forschungsverbund „Stadt 2030“ verband zeitliche Dimensionen der Stadtentwicklung mit lokaler Zeitpolitik und Gender Mainstreaming und entwickelte eine Leitvision, in der die Verbesserung urbaner Zeitstrukturen, der Qualität des Alltagslebens und der Bildungschancen im Zentrum steht.

Im Rahmen des Stadt‑2030‑Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurde Bremen mit dem Projekt „Bremen 2030 – eine zeitbewusste Stadt“ gefördert, das in der Forschungseinheit „Strukturwandel von Stadt, Region und öffentlichem Sektor“ des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Universität Bremen verankert war. Die Leitvision „Bremen 2030 – eine zeitgerechte Stadt“ wurde 2003 von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Senatsressorts, der Universität Bremen und der Universität Hamburg erarbeitet und zielte auf die Verbesserung urbaner Zeitstrukturen sowie der Qualität des Alltagslebens; eines der Schlüsselprojekte war die Transformation von Schulen zu „Bildungsknotenpunkten“, die ganztägig nutzbare Infrastruktur für lebenslanges Lernen bereitstellen.

Zentrale Fragestellung des Verbundprojekts war, wie sich gesellschaftliche Modernisierung, Strukturwandel der Arbeitswelt und die spezifische Zeitökonomie unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – insbesondere von Frauen und Familien – in stadtentwicklungsrelevante Konzepte einer „zeitgerechten“ bzw. „zeitbewussten“ Stadt übersetzen lassen. Federführende Akteure auf wissenschaftlicher Seite waren das IAW (Forschungseinheit „Strukturwandel von Stadt, Region und öffentlichem Sektor“) und weitere Projektpartner im Rahmen des Stadt‑2030‑Verbundes, auf administrativer Seite vor allem die Bremer Senatsressorts für Bildung, Soziales und Stadtentwicklung, die das Thema Zeitpolitik und Gender Mainstreaming in ihre fachlichen Strategien integrierten.

Das Leitbild „Bremen 2030 – eine zeitgerechte Stadt“ versteht die Stadt als Ort, an dem Zeitstrukturen – Arbeitszeiten, Öffnungszeiten, Bildungs‑ und Betreuungszeiten, Wegezeiten – so gestaltet werden sollen, dass sich Erwerbs‑ und Sorgearbeit besser vereinbaren lassen, Bildungsübergänge zeitlich entlastet werden und die alltägliche „Rush Hour“ des Lebens für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen reduziert wird. Eine Besonderheit gegenüber anderen Stadt‑2030‑Projekten besteht darin, dass zeitpolitische Fragen und Gender Mainstreaming ausdrücklich als Querschnittsaufgaben behandelt wurden: Gender wurde als übergreifende Strategie der Qualitätssicherung in der Stadtentwicklung verstanden, um unterschiedliche Zeitlagen von Frauen und Männern systematisch zu berücksichtigen und gerechtere Zugänge zu Infrastruktur, Bildung und Beteiligung zu schaffen.

Konkrete Umsetzungslinien lassen sich vor allem in der Öffnung von Schulen zur Nachbarschaft, im Ausbau von Ganztagsschulen und in der systematischen Kooperation von Bildungs‑ und Jugendhilfeeinrichtungen erkennen. So wurden in Bremen im Anschluss an „Bremen 2030“ verschiedene Modelle der Quartiersbildungszentren diskutiert, in denen Schulen, Kindertagesstätten, Jugendhilfe, Familienberatung und Freizeitangebote besser zeitlich und räumlich verknüpft werden sollen; Pilotprojekte wie die Öffnung von Schulhöfen und Sporthallen für Stadtteilangebote oder die Ansiedlung von Stadtteilbibliotheken und Musikprojekten in Schulen (etwa an der Gesamtschule Ost) setzen diese Leitbildideen praktisch um.

Ein weiteres Umsetzungsfeld sind Projekte, die explizit auf die Vereinbarkeit von Erwerbs‑ und Familienarbeit und auf die Integration von Migrantinnen zielen, etwa das Sprachkursprogramm „Mama lernt Deutsch“ an Grundschulen und Kindergärten oder das Programm „Rucksack in Grundschulen“, die Mütter mit Migrationshintergrund zeitlich passgenau an den Lernorten ihrer Kinder ansprechen und so die Bildungszeit der Familie neu strukturieren. Darüber hinaus wurden stadtteilbezogene Kooperationsformate wie Runde Tische von Schule und Jugendhilfe, lokale Bildungsnetzwerke und der Ausbau von Ganztagsangeboten genutzt, um zeitliche Übergänge – etwa von der Kita zur Grundschule – besser zu gestalten und mit einer „individuellen Lern‑ und Entwicklungsdokumentation“ zu verbinden.

Demographisch zeigt sich Bremen seit den frühen 2000er‑Jahren als Stadt mit langfristig negativer natürlicher Bevölkerungsentwicklung und wachsenden Bevölkerungszahlen aufgrund von Zuwanderung. Ende 2005 lag die Einwohnerzahl im Land Bremen (Stadt Bremen und Bremerhaven) bei rund 547.000, während sie bis 2024 auf etwa 705.000 Einwohnerinnen und Einwohner anstieg; das deutliche Bevölkerungswachstum seit 2012 beruht laut Demografieportal und Statistischem Landesamt ausschließlich auf starker Zuwanderung aus dem Ausland und wurde ab 2022 durch Schutzsuchende aus der Ukraine nochmals verstärkt.

Zwischen 1974 und 2024 wurden im Land Bremen rund 314.000 Kinder geboren; zugleich ist die Zahl der Privathaushalte von 311.000 (1975) auf 361.000 (2024) gestiegen, wobei der Trend zu Einpersonenhaushalten und die Alterung der Bevölkerung die Haushaltsstruktur stark verändern. Mit etwa 40 Prozent Bevölkerung mit Migrationshintergrund und einem Ausländeranteil von rund 23 Prozent im Jahr 2024 hat Bremen eine ausgeprägt vielfältige Stadtgesellschaft; die Erwerbsstruktur ist inzwischen stark dienstleistungsorientiert (82 Prozent der Erwerbstätigen in Dienstleistungsberufen) und von einem deutlichen Anstieg der erwerbstätigen Frauen geprägt, was die zeitpolitische Dimension der Stadtentwicklung zusätzlich schärft.

Stadtentwicklungspolitisch reagiert Bremen seit den 2000er‑Jahren auf diese demographischen und sozialstrukturellen Verschiebungen mit Stadtumbau‑Maßnahmen, Konversionsprojekten und einer stärkeren integrierten Planung von Wohnen, Bildung und sozialer Infrastruktur. Leerstände in einzelnen Quartieren, der Umbau von ehemaligen Industrie‑ und Hafenflächen, selektiver Neubau und die Aufwertung von Stadtteilen mit hohen Anteilen benachteiligter Haushalte werden zunehmend mit Konzepten der Bildungs‑ und Zeitgerechtigkeit verknüpft, etwa durch wohnortnahe Bildungs‑ und Betreuungsangebote, flexible Öffnungszeiten von Einrichtungen und gender‑sensibel gestaltete Freiräume.

Innerhalb dieser Entwicklung nimmt Gender Mainstreaming als strategische Leitlinie eine wichtige Rolle ein: Bremen hat in Fortschrittsberichten zur Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Stadtentwicklung herausgearbeitet, dass die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Lebenslagen – etwa bei der Vereinbarkeit von Erwerbs‑ und Familienarbeit, beim Schutz vor Gewalt in räumlichen Strukturen oder bei der Beteiligung an Planungsprozessen – zentrale Qualitätskriterien für Stadtentwicklung sind. Die im Stadt‑2030‑Projekt und in späteren Publikationen formulierte Verbindung von „Rights, Resources, Voice“ als feministische Leitkategorie unterstreicht, dass zeitliche Erreichbarkeit, Zugang zu Ressourcen und Mitsprachemöglichkeiten in Planungsprozessen geschlechtergerecht gestaltet werden müssen, um die Stadt „zeitgerecht“ zu machen.

Viele der aktuellen Probleme der Stadt Bremen 2024/2025 wurden im Verbund „Bremen 2030“ zumindest in ihren Grundzügen vorweggenommen: Dazu gehören die Notwendigkeit, Zeitstrukturen an eine hochgradig dienstleistungsorientierte, weiblich geprägte Erwerbsbevölkerung anzupassen, die Integration von Migrantinnen und Migranten in Bildungs‑ und Arbeitsmarktstrukturen, die Verringerung sozialer Ungleichheiten durch quartierbezogene Bildungsangebote sowie die zeitliche Entlastung von Familien durch ganztägige Betreuung. Auch der Ansatz, Schulen zu Stadtteilbildungszentren zu entwickeln und Alltagszeiten von Lernen, Betreuung und Freizeit im Quartier zu bündeln, greift direkt auf die im Stadt‑2030‑Verbund erarbeitete Leitvision der „zeitgerechten Stadt“ zurück.

Gleichzeitig bleiben andere Herausforderungen der letzten Jahre – etwa die Dynamik globaler Krisen, die Digitalisierung der Arbeit, neue Wohnungsmarktspannungen, die Klimakrise und die steigende Bedeutung von Klimaanpassung in der Stadtplanung – im damaligen Projekt nur am Rande oder gar nicht thematisiert, weil sie erst später in die stadtpolitische Agenda rückten. Auch Fragen wie die starke Zunahme von Zuwanderung aus spezifischen Herkunftsländern, die damit verbundenen Integrations‑ und Segregationsprozesse sowie die Notwendigkeit einer klimagerechten und resilienten Stadtstruktur werden heute im Rahmen neuer Konzepte – etwa des aktuellen ISEK Bremen 2040 und der Fortschrittsberichte zu Gender und Diversity – deutlich breiter behandelt als im ursprünglichen Stadt‑2030‑Projekt.

Damit bleibt „Bremen 2030 – eine zeitbewusste Stadt“ ein wichtiger Referenzpunkt für die Verbindung von Zeitpolitik, Gender Mainstreaming und Stadtentwicklung, liefert aber vor allem konzeptionelle Grundlagen für aktuelle Strategien, die inzwischen um Dimensionen wie Klimaschutz, Digitalisierung und globale Migration erweitert werden mussten.

Wichtigste Quellen