Städteregion Ruhr
Städteregion Ruhr 2030 - Eigensinn als Fundgrube

- Bundesland
- Nordrhein-Westfalen
- Stadtgröße
- Region
- Schwerpunkt
- Polyzentrische Stadtregion, Stadtumbau im Strukturwandel, regionale Kooperation der Ruhrgebietsstädte
- Verbundpartner
- Universität Dortmund, Fakultät Raumplanung (Prof. Dr. Benjamin Davy, Tana Petzinger)
- Federführend
- wissenschaftliche Federführung Universität Dortmund
- Laufzeit
- 2001 bis 2005
Worum es ging
Die Städteregion Ruhr brachte erstmals die wichtigsten Ruhrgebietsstädte systematisch in einen gemeinsamen Forschungsverbund. Das Leitbild „Eigensinn als Fundgrube“ sagte: die spezifische Identität jeder einzelnen Stadt ist eine Ressource, kein Defizit der polyzentrischen Region.
Die „Städteregion Ruhr 2030 – Eigensinn als Fundgrube“ stand im BMBF‑Verbund „Stadt 2030“ für den Versuch, die polyzentrische, vom Montan‑Strukturwandel geprägte Metropolregion Ruhr über ein eigenständiges Leitbild und über regionale Kooperation städtebaulich und wirtschaftlich in die Zukunft zu führen.
Schon im Wettbewerbsrahmen von „Stadt 2030“ wurde das Ruhrgebiet als besonderer Fall einer polyzentrischen Großstadtregion ohne klaren dominanten Kern beschrieben, deren zahlreiche mittelgroße Städte und einige Großstädte durch eine historisch gewachsene, dichte Siedlungslandschaft und starke industriekulturelle Prägung verbunden sind. Das Leitbildvorhaben „Städteregion Ruhr 2030“ arbeitete daran, diesen „Eigensinn“ – die spezifische räumliche, soziale und kulturelle Eigenart der Region – als „Fundgrube“ für zukunftsfähige Entwicklung zu verstehen, statt ihn als Defizit gegenüber monozentrischen Metropolen wie Paris oder London zu bewerten.
Kernfragen waren, wie sich eine schrumpfende, alternde und sozial stark differenzierte Stadtregion im Strukturwandel neu positionieren kann und welche Formen regionaler Kooperation zwischen den Ruhrgebietsstädten notwendig sind, um Infrastruktur, Flächennutzung, Umweltqualität und wirtschaftliche Entwicklung zu koordinieren. Federführend wirkten wissenschaftliche Akteure wie die Fakultät Raumplanung der Universität Dortmund zusammen mit kommunalen Partnern und dem damaligen Kommunalverband Ruhrgebiet (heute Regionalverband Ruhr, RVR), der als „administrative Klammer“ für die 53 Städte und Gemeinden der Region fungiert.
Im Verbund wurde ein Zukunftsbild der „Metropole Ruhr“ diskutiert, das polyzentrale Strukturen, industriekulturelles Erbe und grüne Freiräume als komplementäre Stärken einer großräumigen Stadtlandschaft bündelt. Gegenüber anderen Stadt‑2030‑Vorhaben war die Besonderheit, dass nicht eine einzelne Stadt, sondern eine ganze Stadtregion mit ihren Innen‑ und Randlagen, den unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen und ökonomischen Teilsystemen im Fokus stand – inklusive der Frage, wie sich Schrumpfung, Migration und funktionale Spezialisierung in einem polyzentrischen Verbundraum bewältigen lassen.
Viele der im Verbund entwickelten Ansätze zur regionalen Kooperation und zum kreativen Umgang mit Schrumpfung fanden später Eingang in Strategien und Projekte des RVR sowie der beteiligten Kommunen. Die im „Städteregion Ruhr 2030“ betonte Notwendigkeit, regionale Planung, Freiflächensicherung und Infrastrukturprojekte zusammenzudenken, ist im heutigen Aufgabenprofil des RVR – einschließlich Regionalplanung, Ausbau von Grünzügen, Emscher Landschaftspark und Radwegenetz – deutlich sichtbar.
Die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park, deren Nachwirkungen die 1990er und frühen 2000er Jahre prägten, wurde im Stadt‑2030‑Kontext oft als Vorläufer einer neuen, regional vernetzten Stadtumbau‑Logik interpretiert: Industriebrachen wurden zu Trägern der Industriekultur, Zechen und Hochöfen zu Landmarken und Kultur‑Standorten, Grünzüge und Landschaftsparks ergänzten die dicht bebauten Kernzonen. Diese Kombination von Rückbau, Konversion und Aufwertung – sichtbar etwa in Projekten wie dem Landschaftspark Duisburg‑Nord, der Emscher‑Renaturierung oder der späteren „Innovation City Bottrop“ als Labor für klimagerechten Stadtumbau im Bestand – entspricht dem im Verbund diskutierten Ansatz, Schrumpfung als Anlass für qualitative Transformation zu nutzen.
Auch spätere Leitprojekte und Profile, etwa „klimametropole RUHR 2022“ oder die internationale Standortmarketingkampagne „Metropole Ruhr – Stadt der Städte“, bauen auf der im Leitbildvorhaben verankerten Perspektive einer eigenständigen, polyzentrischen Großstadtregion auf. Regionale Wirtschaftsförderung (Business Metropole Ruhr) und Kooperation der Hochschulen in der Universitätsallianz Ruhr knüpfen an die im Verbund betonte Bedeutung überkommunaler Koordinationsplattformen für Strukturwandel, Wissensökonomie und Daseinsvorsorge an.
Der „Kleine Atlas Metropole Ruhr“ veranschaulicht die demografische und räumliche Entwicklung: 2015 lebten im Gebiet des Regionalverbands Ruhr 5.109.253 Menschen auf 4.438,65 km², mit stark variierenden Dichten zwischen dicht besiedelten Kernstädten wie Herne (3.013 Einwohner/km²) und eher ländlich geprägten Kreisen wie Wesel (441 Einwohner/km²). Prognosen gehen davon aus, dass die Metropole Ruhr bis 2030 auf etwa 4,8 Millionen Einwohner schrumpfen könnte, was einen langfristigen Trend der Bevölkerungsabnahme trotz zwischenzeitlicher Wachstumsphasen durch Zuwanderung beschreibt.
Die alterstrukturelle „Vorbelastung“ der Region wurde schon Anfang der 2000er Jahre durch das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW hervorgehoben: Es fehle an jüngeren Alterskategorien, während ältere Gruppen dominierten, weshalb das Ruhrgebiet dem Bundesgebiet alterstrukturell „etwa 25 Jahre voraus“ sei. Parallel dazu nimmt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte zu; das Ruhrgebiet bleibt eine Einwanderungsregion, in der etwa 13 Prozent der Bevölkerung Ausländer sind, wobei türkische Staatsangehörige und – infolge der jüngeren Fluchtbewegungen – Menschen aus Syrien und Irak besonders stark vertreten sind.
Stadtentwicklungsbezogen steht die Region seit Jahrzehnten unter dem Vorzeichen des Strukturwandels: Der Bergbau und die Schwerindustrie haben massiv Arbeitsplätze verloren, während Gesundheitswirtschaft, Bildung, Logistik und Umwelt‑ bzw. Energietechnologien zu neuen Leitmärkten wurden. Stadtumbau heißt hier vor allem Konversion – vom Bergbau‑ und Stahlstandort zur Wissens‑, Dienstleistungs‑ und Green‑Tech‑Region –, sichtbar exemplarisch in Projekten wie Phoenix in Dortmund oder der kreativen Nachnutzung der Zeche Zollverein. In vielen Kommunen wurden entsprechende integrierte Stadtentwicklungskonzepte aufgestellt, die lokale Leitbilder mit der regionalen Perspektive der Metropole Ruhr verbinden, wobei der RVR planerische und datenbezogene Grundlagen liefert.
Die im Verbundprojekt „Städteregion Ruhr 2030“ thematisierten Probleme – anhaltende Schrumpfung, starke Alterung, sozialräumliche Segregation und die Notwendigkeit kooperativer Regionalpolitik – prägen die aktuellen Debatten weiter. Analysen zum Strukturwandel im Ruhrgebiet betonen, dass die Region zwar neue wirtschaftliche Standbeine in Logistik, Chemie, Gesundheit, digitalen Technologien und Ressourceneffizienz entwickelt hat, dabei aber weiterhin mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, kommunaler Verschuldung und ausgeprägten Segregationseffekten in bestimmten Stadtteilen ringt.
Die Herausforderung der „silver economy“ – also einer wachsenden Zahl älterer Menschen mit spezifischen Versorgungs‑ und Mobilitätsbedürfnissen – sowie die Integration einer vielfältigen Migrantengesellschaft wurden im Stadt‑2030‑Kontext klar antizipiert und fließen heute in Konzepte zu Gesundheitswirtschaft, Pflegeinfrastruktur, Telemedizin und quartiersbezogener Daseinsvorsorge ein. Teilweise weniger ausgeprägt waren damals hingegen die nun stark hervortretenden Aspekte der Klimaanpassung, Energiewende und Resilienz gegenüber globalen Krisen; diese Felder wurden erst in jüngeren Leitprojekten wie „klimametropole RUHR 2022“, Innovation‑City‑Quartieren und der Vorbereitung der dezentralen Internationalen Gartenschau 2027 systematisch in regionale Strategien integriert.
Insgesamt hat der Verbund „Städteregion Ruhr 2030“ zentrale Strukturmerkmale und Probleme der Region – Polyzentralität, Schrumpfung, Alterung, Migration und Kooperationsbedarf – früh und in integrierter Form adressiert, während heutige Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimakrise und finanzielle Handlungsfähigkeit der Kommunen die damaligen Leitbilder um neue Dimensionen erweitern.
Wichtigste Quellen
- Regionalverband Ruhr - regionale Kooperation der 53 Ruhrstaedte - der Regionalverband ist die institutionelle Klammer fuer die Metropole Ruhr. Er fuehrt Befunde aus dem Verbund in eine staendige regionale Planungspraxis ueber.
- BMWi: Lehren aus dem Strukturwandel im Ruhrgebiet fuer die Regionalpolitik (PDF) - das Bundeswirtschaftsministerium bilanziert den jahrzehntelangen Strukturwandel des Reviers. Die Studie nennt Erfolge und ungeloeste Aufgaben der polyzentrischen Region.
- Auf dem Weg zur Stadt 2030 - Abschlussbericht 2004 (PDF) - die offizielle Auswertung des gesamten Forschungsverbunds. 64 Seiten, herausgegeben vom BMBF 2004.
- IT.NRW - Bevoelkerung nach Gemeinden - die offiziellen Bevoelkerungszahlen aller Ruhrgebietsstaedte. Quelle fuer den Vergleich 2005, 2015, heute.
- Heinze: Strukturwandel und Dienstleistungen im Ruhrgebiet 2023 (PDF) - aktuelle Einordnung von Ruhr-Forscher Rolf G. Heinze. Wirtschaftlicher Wandel, Beschaeftigungseffekte, offene Punkte.