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Hessen · Regionale Kooperation

Schwalm-Eder-West (Borken)

Schwalm-Eder-West - Vision 2030

Schwalm-Eder-West (Borken) - Forschungsverbund Stadt 2030
Illustration mit KI auf Basis einer redaktionellen Vorgabe erstellt. Wahrzeichen sind erkennbar, das Bild ist keine dokumentarische Aufnahme.
Bundesland
Hessen
Stadtgröße
Region
Schwerpunkt
Ländlicher Raum, interkommunale Kooperation kleiner Gemeinden, Strukturwandel nach dem Braunkohleausstieg
Verbundpartner
Magistrat der Stadt Borken (Christoph Bachmann)
Federführend
Fachbereich Stadtplanung
Laufzeit
2001 bis 2005

Worum es ging

Wie entwickelt ein ländlich geprägter Raum mit mehreren Kleinstädten gemeinsam eine Zukunftsperspektive? Schwalm-Eder-West verband Stadtplanung mit ländlicher Regionalentwicklung. Für das Forschungsfeld war diese Kombination ungewöhnlich, für die Region war sie der praktische Anfang.

Das BMBF-Verbundprojekt „Schwalm-Eder-West – Vision 2030” war im Forschungsverbund das einzige Projekt, das nicht eine einzelne Stadt, sondern eine interkommunale Region aus fünf ländlichen Kleinstädten und Gemeinden als Untersuchungsraum wählte – damit bildete es im bundesweiten Verbund einen Sonderstatus als Pionierprojekt für ländliche interkommunale Kooperation.

Fragestellung, Akteure und Leitbild

Die zentrale Forschungsfrage lautete: Wie können Klein- und Kleinstgemeinden im strukturschwachen ländlichen Raum Nordhessens – geprägt vom Rückgang der Braunkohle- und Bergbauindustrie, von demografischer Abwanderung und geringer kommunaler Finanzkraft – durch interkommunale Kooperation Stärken bündeln und eine gemeinsame Entwicklungsperspektive erarbeiten? Das Leitbild „Vision 2030” identifizierte fünf Profilierungsfelder, in denen die Region sich gemeinsam positionieren sollte: als attraktiver Wohnstandort, Gesundheitsstandort, Freizeit- und Tourismusstandort, landwirtschaftlicher Kulturlandschaftsstandort und Wirtschaftsstandort. Federführend war der Magistrat der Stadt Borken (Hessen) unter dem damaligen Bürgermeister und späteren Verbandsvorsitzenden Bernd Heßler; Kooperationspartner waren die Gemeinden Bad Zwesten, Jesberg, Neuental und Wabern sowie der Schwalm-Eder-Kreis und der Verein zur Regionalentwicklung im Raum Schwalm-Eder-West als Förderverein. Gegenüber allen anderen Stadt-2030-Verbünden war das Projekt einmalig, weil es keine Großstadt- oder Mittelstadtproblematik behandelte, sondern das strukturelle Problem der Daseinsvorsorge und kommunalen Selbstverwaltung bei gleichzeitigem Einwohnerminimum und Flächenmaximum im Fokus hatte.

Institutionelle Umsetzung: Vom Leitbild zum Zweckverband

Die wirkungsmächtigste und dauerhafteste Nachwirkung des Verbundprojekts ist die Gründung des Zweckverbands „Interkommunale Zusammenarbeit Schwalm-Eder-West”, dessen Satzung im Jahr 2009 mit aufsichtsbehördlicher Genehmigung des Regierungspräsidiums Kassel in Kraft trat und ausdrücklich auf das Leitbild „Vision 2030” als konstitutive Grundlage Bezug nimmt. Zuvor war die Region als einer von 16 Standorten in das Modellvorhaben ExWoSt „Stadtumbau West” aufgenommen worden; ab 2008 nahm der Zweckverband am hessischen Förderprogramm „Stadtumbau in Hessen” teil, in dessen Rahmen in den fünf Stadtumbaugebieten der Verbandskommunen städtebauliche Maßnahmen gefördert wurden. Ein Interkommunales Gründerzentrum mit rund 1.500 Quadratmeter Nutzfläche wurde in Borken errichtet und wird vom Verband betrieben – eine direkte Umsetzung des wirtschaftlichen Handlungsfeldes aus dem Stadt-2030-Projekt. Zudem beschloss der Verband im Stadtumbaurahmen die Entwicklung eines gemeinsamen interkommunalen Gewerbegebiets als weiteres Element der gemeinsamen Bauleitplanung.

Bevölkerungsentwicklung 2005 bis 2024

Das Verbundprojekt hatte demografische Schrumpfung als Rahmenbedingung beschrieben; diese Einschätzung hat sich für alle Verbandskommunen bestätigt. Für die federführende Stadt Borken (Hessen) weist das Gemeindedatenblatt der Hessen Agentur und des Hessischen Statistischen Landesamts (Stand: November 2025) folgende Eckdaten aus: Im Jahr 2000 zählte Borken 13.927 Einwohner; bis 2024 ist die Bevölkerung um 11,9 Prozent auf rund 12.300 Personen gesunken. Das Durchschnittsalter stieg im selben Zeitraum von 42,1 Jahren im Jahr 2000 auf 46,3 Jahre im Jahr 2024. Für die Gesamtregion Schwalm-Eder-West – Bad Zwesten, Borken, Jesberg, Neuental und Wabern – zählt der Zweckverband heute rund 30.000 Einwohner. Die Bevölkerungsvorausschätzung der Hessen Agentur prognostiziert für Borken bis 2040 einen weiteren Rückgang auf rund 11.600 Einwohner, also weitere 5,4 Prozent.

Aktuelle Herausforderungen: Was der Verbund vorwegnahm

Das Verbundprojekt hat die heutigen Problemlagen der Region strukturell klar antizipiert: die fortlaufende demografische Schrumpfung, die eine eigenständige kommunale Daseinsvorsorge in Frage stellt; die Notwendigkeit gemeinsamer Infrastrukturplanung als Lösung für kommunale Überkapazitäten; und die Bedeutung der Wirtschaftsansiedlung als Überlebensfrage für die Region. Der Zweckverband hat diese Diagnose institutionell verankert: Das Land Hessen förderte im April 2025 ausdrücklich den Ausbau der bereits seit 2020 bestehenden interkommunalen Wirtschaftsförderungskooperation.

Nicht antizipierte Entwicklungen

Nicht vorweggenommen wurden die Geschwindigkeit der Digitalisierung und die damit verbundene Chance, ländliche Verwaltungsschwäche durch digitale Lösungen zu kompensieren: Seit 2023 fungiert Schwalm-Eder-West als digitale Modellregion Hessens; im Januar 2025 ging ein digitales Cockpit zu Lärm, Luft, Verkehr und Klimadaten online, das Echtzeittransparenz über kommunale Infrastruktur liefert. Die Region positioniert sich heute unter dem Markennamen „Smart Region Schwalm-Eder-West” und entwickelt Smart-Building-, Smart-Administration- und Smart-Mobility-Konzepte. Dies zeigt, dass das Verbundprojekt zwar die interkommunale Governance innoviert hat, aber die digitale Transformation als Werkzeug ländlicher Zukunftssicherung noch nicht im Blick hatte – eine Lücke, die der Zweckverband in den vergangenen zehn Jahren eigenständig geschlossen hat.

Wichtigste Quellen