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Bayern · Identitätsprozess

Günzburg

Günzburg oder Legoburg - Chancen und Risiken eines Identitätsprozesses

Günzburg - Forschungsverbund Stadt 2030
Illustration mit KI auf Basis einer redaktionellen Vorgabe erstellt. Wahrzeichen sind erkennbar, das Bild ist keine dokumentarische Aufnahme.
Bundesland
Bayern
Stadtgröße
Kleinstadt
Schwerpunkt
Identitätsbildung einer Kleinstadt unter dem Einfluss einer touristischen Großanlage (Legoland)
Verbundpartner
Stadtbauamt (Carl-Heinz Wopperer)
Federführend
Stadtbauamt
Laufzeit
2001 bis 2005

Worum es ging

Was passiert mit dem Bild einer historischen Mittelstadt, wenn ein global vermarkteter Freizeitpark vor den Toren steht? Günzburg ging der Frage nach Legoland Deutschland nach: Chance, Risiko, Identitätsverschiebung. Der Verbundtitel "Legoburg" war Programm.

Das BMBF-Forschungsverbundprojekt „Günzburg oder Legoburg – Chancen und Risiken eines Identitätsprozesses” zählte im Forschungsverbund „Stadt 2030” zu den kleinstädtischen Vorhaben im Bereich Identität und gehörte zu den wachsenden oder konsolidierten Städten. Es war bundesweit das einzige Stadt-2030-Projekt, das eine touristisch-wirtschaftliche Großansiedlung – den im Mai 2002 eröffneten Legoland-Freizeitpark im Landkreis Günzburg – explizit als Ausgangspunkt eines kommunalen Identitätsdiskurses untersuchte und damit eine Fragestellung aufwarf, die für viele Mittelzentren und Kleinstädte im Einzugsbereich großer Freizeitanlagen hochaktuell blieb.

Kerninhalt, Fragestellung und Leitbild

Die Grundfragestellung des Projekts lautete: Kann eine historisch als schwäbische Barockstadt gewachsene Kleinstadt mit bayerischer Verwaltungsidentität ihre eigenständige Identität bewahren, wenn ein international normierter Markenwelt-Freizeitpark von der Größenordnung des Legolands unmittelbar in ihrem Einzugsbereich entsteht und massive überregionale Aufmerksamkeit auf sich zieht? Der Projekttitel selbst – „Günzburg oder Legoburg” – spitzte diese Spannung zwischen traditioneller Kleinstadtidentität und einer als überwältigend wahrgenommenen globalen Eventkultur provokativ zu. Das Leitbild der Forschungsarbeit zielte auf eine aktive Identitätspolitik: Die Stadt sollte nicht passiv auf die Signalwirkung des Legolands reagieren, sondern die Kraft ihrer historischen Bausubstanz, ihrer kulturellen Eigenheiten und ihrer regionalen Einbindung bewusst gestalten und kommunizieren.

Besonderheiten und Akteure

Gegenüber anderen Stadt-2030-Verbünden war das Günzburger Projekt durch seinen ungewöhnlichen Zuschnitt gekennzeichnet: Während viele Verbünde Schrumpfung, Migration oder Regionalisierung bearbeiteten, untersuchte Günzburg eine touristische Wachstumsimplosion und die daraus entstehende Gefahr einer Fremdbestimmung des Stadtimages. Federführend auf kommunaler Seite war die Stadtverwaltung Günzburg; als wissenschaftliche Partner fungierten einschlägige Urbanistik- und Stadtforschungsinstitutionen, die Szenarien zu den Auswirkungen des Freizeitparks auf Wirtschaft, Verkehr, Wohnungsmarkt und Stadtimage entwickelten. Ein zentrales Zwischenergebnis des Projekts war, dass die direkten wirtschaftlichen Impulse des Legolands auf die Kernstadt im ersten Betriebsjahr unter der Ein-Prozent-Schwelle lagen und dass das Stadtimage durch das Legoland trotz der überregionalen Sichtbarkeit kaum verändert wurde – die Kleinstadt „aus ihrer ländlichen Ruhe” sei nicht herauszubringen gewesen. Dies führte zu einer methodisch wichtigen Einsicht: Identitätsprozesse in Kleinstädten verlaufen auch unter dem Druck eines globalen Megaattraktors träger, als zuvor vermutet – was für die Planung mittelfristiger Entwicklungsstrategien erhebliche Konsequenzen hat.

Konkrete Umsetzungslinien und Nachwirkungen

Unmittelbare bauliche Umsetzungen waren auch in Günzburg nicht Teil des Förderumfangs; der Verbund war als Lern- und Forschungslabor angelegt. Gleichwohl eröffnete das Projekt einen Reflexionsraum, der sich in der Stadtpolitik niederschlug: Die Bereitschaft, das historische Ensemble, die Innenstadt und die Identitätsfrage als politisches Gestaltungsthema zu behandeln, und nicht nur als Reaktion auf den Druck von außen, ist ein erkennbares Echo dieser Arbeit. Im Frühjahr 2024 startete in Günzburg ein umfassender Planungs- und Beteiligungsprozess zur Erarbeitung eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK) mit Vorbereitender Untersuchung (VU), der von einem Städtebaubüro begleitet und mit einer vierwöchigen Online-Beteiligung (April–Mai 2025) flankiert wurde. Das ISEK mit vorbereitender Untersuchung wurde im Juni 2025 vom Stadtrat einstimmig als strategischer Handlungsrahmen verabschiedet und benennt als zentrale Ziele: Stärkung des Wohnens in der Innenstadt, Belebung des Handels, Erhalt der besonderen Identität des Ortes, Stärkung landschaftlicher Qualitäten sowie eine resiliente und klimagerechte Ortsentwicklung.

Bevölkerung und Stadtentwicklung 2005–2025

Der Landkreis Günzburg wies nach Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik am 31. Dezember 2022 (Zensus) 127.608 Einwohner aus, im Jahr 2023 waren es 129.696. Die Bevölkerung des Landkreises ist damit zwischen 2011 (120.182) und 2022 um rund 6,2 Prozent gewachsen, was auf moderates Wachstum im Einzugsbereich von Augsburg und Ulm hinweist. Das Durchschnittsalter im Landkreis lag 2023 bei 43,7 Jahren (Männer 42,5, Frauen 44,9) und ist damit gegenüber 2014 (43,0 Jahre) leicht gestiegen, was einen anhaltenden Alterungstrend bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum belegt. Der Ausländeranteil im Landkreis betrug Ende 2022 rund 9,9 Prozent (15. Mai 2022: 12.672 Personen), was eine deutliche Steigerung gegenüber früheren Jahrzehnten darstellt und auf Zuwanderung im Bereich Fachkräfte und Saisonarbeiter hinweist.

Legoland, Wohnungsmarkt und aktuelle Herausforderungen

Das Legoland Deutschland Resort ist heute mit einem Parkbereich über 68 Attraktionen in 11 Themenwelten der bedeutendste touristische Anziehungspunkt der Region, der jährlich rund eine Million Besucher anzieht; ab 2028 soll als weltweit erstes seiner Art ein Harry-Potter-Land entstehen, das weitere überregionale Aufmerksamkeit generieren wird. Die im Verbundprojekt angedachte Frage, ob das Legoland die Stadtidentität Günzburgs „überschreibt”, hat sich inzwischen in ein konkretes Wohnungsmarkt- und Arbeitskräfteproblem übersetzt: Die zweite Bürgermeisterin Günzburgs beschreibt den Wohnungsmarkt 2025 als „sehr angespannt”, rund 300 Familien stehen auf Wartelisten für eine Wohnung. Um den Bedarf an Saisonkräften zu decken, wirbt das Legoland international und investiert 2025 selbst in 550 Mitarbeiterunterkünfte in Günzburg, da Wohnungen Mangelware sind. Dieser Druck auf den lokalen Wohnungsmarkt ist ein Identitäts- und Stadtentwicklungsproblem, das im Verbundprojekt zwar als hypothetisches Szenario vorhanden war, aber in seiner aktuellen Schärfe – Fachkräftewohnraum als kommunale Kernaufgabe – nicht antizipiert wurde.

Vorweggenommene und nicht antizipierte Probleme

Das Verbundprojekt hat die Kernspannung zwischen historisch gewachsener Kleinstadtidentität und einer globalen Unterhaltungsmarke früh und präzise formuliert; diese Spannung ist ungebrochen und hat sich mit der jüngst angekündigten Harry-Potter-Erweiterung sogar verschärft. Ebenso wurde die Gefahr, dass die Identität der Stadt allein durch externe Setzungen (Markenwelt, Eventkultur) geprägt wird, als strategisches Problem erkannt und die Notwendigkeit aktiver Identitätspolitik begründet – ein Impuls, der 2025 im ISEK-Prozess mit dem expliziten Ziel „Erhalt der besonderen Identität des Ortes” wieder aufgenommen wurde. Nicht antizipiert wurden die massive Wohnraumverknappung durch die Nachfrage internationaler Saisonkräfte des Legolands, die Dimension internationaler Zuwanderung als strukturelles Stadtentwicklungsthema und die Klimakrise als eigenständige Planungspflicht für eine wachsende Kleinstadt. Auch der Mobilitätsdruck – parkbedingte Verkehrsströme, Kapazitätsgrenzen von B16 und A8-Abfahrten – wurde im Verbund als Thema angedacht, aber nicht in seiner heutigen infrastrukturellen Zuspitzung behandelt.

Wichtigste Quellen