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Regionale Kooperation in der Praxis

Von der Energieregion zur Wirtschaftsregion Lausitz

Eine kommunal getragene GmbH als Antwort auf die Regionalisierungsfrage: Wie sich die Lausitz seit 2009 organisiert und warum sie 2017 ihren Namen ablegte.

Veröffentlicht am 26.08.2026

Von der Energieregion zur Wirtschaftsregion Lausitz - Magazin, stadt2030.de
Illustration mit KI auf Basis einer redaktionellen Vorgabe erstellt. Wahrzeichen sind erkennbar, das Bild ist keine dokumentarische Aufnahme.

Als der Forschungsverbund „Stadt 2030“ zwischen 2001 und 2005 nach tragfähigen Formen regionaler Zusammenarbeit suchte, war eine Frage besonders hartnäckig: Wer handelt eigentlich, wenn eine Aufgabe größer ist als jede einzelne Kommune, aber kleiner als das Land? Die Verbundprojekte in Braunschweig, Stuttgart und der Städteregion Ruhr entwickelten dafür sehr unterschiedliche Antworten, von der vertraglichen Selbstbindung bis zur direkt gewählten Regionalversammlung. Die Lausitz hat ihre Antwort einige Jahre später gefunden, und zwar in Gestalt einer GmbH.

1. Eine Gesellschaft für fünf Gebietskörperschaften

Am 15. Juli 2009 gründeten vier brandenburgische Landkreise und eine kreisfreie Stadt die Energieregion Lausitz-Spreewald GmbH mit Sitz in Cottbus. Gesellschafter waren die Landkreise Dahme-Spreewald, Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße sowie die Stadt Cottbus. Es handelte sich damit um eine interkommunale Wirtschaftsförderung, die ihren Zuschnitt nicht von einer Verwaltungsgrenze bezog, sondern von einem gemeinsamen ökonomischen Profil.

Der Gesellschaftszweck war entsprechend breit formuliert: die Wettbewerbsfähigkeit der Region dauerhaft verbessern, Ressourcen bündeln, Fördermittel einwerben, das Image der Region prägen und über Kreis- und Stadtgrenzen hinweg gemeinsam handeln. Was in dieser Aufzählung nach Verwaltungsprosa klingt, beschreibt genau jenes Handlungsproblem, das der Forschungsverbund zwei Jahrzehnte zuvor als zentrale Herausforderung benannt hatte.

Bemerkenswert ist die Namenswahl. Die Verwaltungsgliederung der Region orientiert sich an ihren Gewässern, drei der vier Landkreise tragen Flussnamen im Titel, darunter zweimal die Spree. Die neue Gesellschaft benannte sich dagegen nicht nach dem Landschaftsraum und auch nicht nach der Verwaltungsebene, sondern nach einem Wirtschaftszweig: Energie. Die Lausitz definierte sich über das, was sie produzierte.

2. Arbeitsfelder zwischen Braunkohle und Biomasse

Die Gesellschaft arbeitete an Themen, die den Übergang der Region vorbereiten sollten, lange bevor der Kohleausstieg beschlossene Sache war. Drei Schwerpunkte lassen sich anhand ihrer Veranstaltungen und Projektdokumentationen nachzeichnen.

Energieholz und Biomasse. Die Region erprobte Kurzumtriebsplantagen, also schnellwachsende Gehölze auf landwirtschaftlichen Flächen, sowie Agroforstsysteme, die Baumreihen und Ackerbau kombinieren. Fachvorträge kamen von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Praxisbeiträge von regionalen Betrieben. Auch Biomischpellets, also Brennstoffe aus gemischten Reststoffen, wurden untersucht. Diese Arbeit war eng an das Bundesprogramm „Bioenergie-Regionen“ angelehnt, mit dem das Bundeslandwirtschaftsministerium ab 2009 regionale Wertschöpfungsketten förderte.

Wissenschaftskooperation. Die Nähe zur BTU und zur damaligen Hochschule Lausitz war kein Beiwerk, sondern Programm. Als in Senftenberg ein Labor für Algenforschung eröffnete, meldete das der Informationsdienst Wissenschaft unter der Überschrift „Algenforschung in der Energieregion Lausitz“. Die Region wurde also nicht nur als Standort beschrieben, sondern als Forschungsraum adressiert.

Regionale Wachstumskerne. Brandenburg verfolgte seit 2005 eine Förderpolitik, die Mittel gezielt auf 15 sogenannte Regionale Wachstumskerne konzentrierte, darunter Spremberg und Cottbus. Die Energieregion war die Klammer, die diese punktuelle Landesförderung mit einer flächigen regionalen Erzählung verband.

3. Der Bruch von 2017: aus Energie wird Wirtschaft

2017 änderte die Gesellschaft ihren Namen und ihren Zuschnitt. Aus der Energieregion Lausitz-Spreewald GmbH wurde die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH. Der Beitritt des sächsischen Landkreises Görlitz wurde im Juni 2017 beschlossen, die Eintragung ins Handelsregister erfolgte im Dezember desselben Jahres. Danach standen sechs Gesellschafter hinter der Gesellschaft: die vier brandenburgischen Landkreise, die Stadt Cottbus und Görlitz. Im Juni 2019 kam mit Bautzen ein zweiter sächsischer Landkreis hinzu.

Diese Erweiterung ist der eigentlich interessante Vorgang. Die Gesellschaft überschritt damit eine Landesgrenze, und zwar nicht symbolisch, sondern gesellschaftsrechtlich. Die Lausitz ist seit jeher ein Raum, der sich einer Zuordnung entzieht: Ein Teil liegt in Brandenburg, ein Teil in Sachsen, historisch kommen Niederlausitz und Oberlausitz hinzu, und seit 1945 trennt die Lausitzer Neiße den östlichen Teil als Staatsgrenze ab. Regionalpolitik scheiterte in solchen Räumen regelmäßig daran, dass die Verwaltungsstrukturen der Länder den funktionalen Zusammenhang zerschneiden.

Ebenso aufschlussreich ist der Namenswechsel selbst. Die Streichung des Wortes „Energie“ nahm vorweg, was der Kohleausstieg 2020 gesetzlich besiegelte. Eine Region, die sich über einen Energieträger definiert, gerät in Schwierigkeiten, wenn dieser Energieträger ausläuft. Der neue Name war breiter und damit haltbarer.

4. Was daraus geworden ist

Der länderübergreifende Zuschnitt hielt vier Jahre. Ende 2020 gründete der Freistaat Sachsen mit der Sächsischen Agentur für Strukturentwicklung ein eigenes Instrument, und daraufhin traten Bautzen und Görlitz zum Jahreswechsel 2020/2021 wieder aus der Gesellschaft aus. Die Lausitz sortierte sich damit erneut entlang der Landesgrenze.

Ein Jahr später folgte der zweite Umbau. Ende Januar 2022 trat das Land Brandenburg als Mehrheitsgesellschafter ein und hält seither 54,55 Prozent der Anteile. Die vier Landkreise und die Stadt Cottbus halten je 9,09 Prozent. Aus der interkommunalen Gesellschaft von 2009 ist damit eine landeseigene geworden, an der die Kommunen beteiligt sind.

In dieser Konstruktion organisiert die Gesellschaft heute den brandenburgischen Teil des Lausitzer Strukturwandels. Die Zahlen dazu werden häufig durcheinandergebracht, deshalb der Reihe nach: Auf die gesamte Lausitz, also den brandenburgischen und den sächsischen Teil zusammen, entfallen rund 17 Milliarden Euro. Auf die brandenburgische Lausitz allein entfallen davon 10,3 Milliarden Euro aus dem Strukturstärkungsgesetz. Diese Summe teilt sich in zwei Arme: rund 3,6 Milliarden Euro im Förderarm 1, den das Land über sein Lausitzprogramm 2038 vergibt, und über 6,7 Milliarden Euro im Förderarm 2, den der Bund in Abstimmung mit dem Land verantwortet. Die Mittel stammen also nicht allein vom Bund, sondern aus Bundes-, Landes- und teilweise kommunalen Anteilen sowie aus EU-Mitteln.

Die Gesellschaft moderiert den Werkstattprozess des Förderarms 1. In den Werkstätten entwickeln Kommunen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft Projektideen, die gegen drei Kriterien geprüft werden: Wettbewerbsfähigkeit, berufliche Bildung und Lebensqualität. Anschließend begleitet die Gesellschaft die Antragstellung. Sie ist damit weniger Förderstelle als Übersetzerin zwischen regionalen Akteuren und Landesverwaltung. Nach Angaben des Landes sind im Förderarm 1 bislang 86 Projekte qualifiziert, 45 davon in Umsetzung.

Die ursprüngliche Domain der Energieregion verweist heute auf eine Informationsseite des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. Die Gesellschaft besteht fort, ihr erster Name nicht.

5. Einordnung: Was der Fall für die Regionalisierungsdebatte zeigt

Der Forschungsverbund hatte 2005 festgehalten, dass kommunale Grenzen für die meisten Zukunftsaufgaben nicht mehr der angemessene Handlungsrahmen sind. Diese Hypothese gilt inzwischen als bestätigt. Offen blieb die Anschlussfrage: In welcher Rechtsform organisiert sich regionale Handlungsfähigkeit, wenn weder ein Regionalverband noch eine Gebietsreform zur Verfügung steht?

Die Lausitz zeigt eine dritte Möglichkeit, und zwar in zwei Etappen. Eine kommunal getragene GmbH ist schnell gegründet und leicht zu erweitern. Sie kann sogar eine Landesgrenze überschreiten, ohne dass ein Staatsvertrag nötig wäre, wie der Beitritt von Görlitz 2017 und Bautzen 2019 zeigt. Genau dieser Vorteil erwies sich allerdings als brüchig: Sobald Sachsen mit einer eigenen Agentur ein konkurrierendes Instrument schuf, verließen beide Landkreise die Gesellschaft wieder. Was gesellschaftsrechtlich leicht zu haben ist, ist eben auch leicht wieder aufzulösen. Der funktionale Raum Lausitz hat sich nach vier Jahren erneut der Landeslogik gebeugt.

Die zweite Etappe verschiebt die Legitimationsfrage noch einmal. Solange Landräte und ein Oberbürgermeister die Gesellschafter stellten, ließ sich argumentieren, dass kommunal gewählte Amtsträger mittelbar für die Verwendung der Mittel einstehen. Seit 2022 hält das Land die Mehrheit. Über die Verwendung von Milliardenbeträgen entscheidet damit die Geschäftsführung einer Gesellschaft, deren Mehrheitsgesellschafter eine Landesregierung ist, während die Kommunen zusammen auf 45,45 Prozent kommen. Das ist keine kommunale Selbstorganisation mehr, sondern eher eine Landesbehörde in privatrechtlicher Form. Zwischen dieser Konstruktion und dem Verband Region Stuttgart mit seiner direkt gewählten Regionalversammlung liegt genau jene Spannweite, die der Verbund als offene Frage hinterlassen hat.

Ein zweiter Punkt betrifft die Benennung. Der Verbund arbeitete intensiv zu Leitbildern und regionaler Identität und beschrieb, wie stark Selbstbeschreibungen die Handlungsmöglichkeiten einer Region prägen. Der Weg von der „Energieregion“ zur „Wirtschaftsregion“ ist ein Lehrstück dafür. Eine Region, die sich über ihr wichtigstes Produkt beschreibt, macht sich vom Fortbestand dieses Produkts abhängig. Die Umbenennung von 2017 kam der ökonomischen Entwicklung um drei Jahre zuvor.


Quellen

Dieser Beitrag ordnet einen regionalpolitischen Vorgang aus der Perspektive der Stadt- und Regionalforschung ein. Er ist keine Veröffentlichung der genannten Gesellschaften und keine amtliche Information.


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